Ignoranz und Begeisterung. Herbert und ich.

Ich hab ein gespaltenes Verhältnis zu Herbert Grönemeyer. Nicht, dass er das wüsste oder dass ich es gar als Verhältnis bezeichnen würde 😉 Herbert hab ich wahrgenommen als fünf noch nicht Trümpf, „Männer“ ein Mörderhit war und er zur Bochum-Tour im Alten Wartesaal zu Köln auftrat. Kann man sich heute eigentlich nicht mehr vorstellen, aber ich war da. Herbert auch.

Natürlich hatte ich Herbert im Regal. Und sein vorheriges Oevre konnte ich bis heute auf die legendäre Currywurst beschränken. Natürlich wurde nach dem Aufschlag „Sprünge“ blind gekauft, aber schon bei „Kinder an die Macht“ war mir klar, dass unser Verhältnis kein langwieriges werden würde.

Hier sollte eigentlich ein Foto von „Bochum“ sein. Zu meinem eigenen Erstaunen:

ich habe das Album nicht – aber hier gibt´s das 🙂 WasserundEis

„Ö“ war schlimm. Bis auf „Was soll das?“. Aber das wusste ich auch erst, als es zu spät war. Von da an interessierten wir uns nicht mehr füreinander. Es war wie das Verhältnis zu jemandem, mit dem man mal einen One-Night-Stand hatte um sich dann fluchtartig im Supermarkt hinter dem Regal mit dem Tierfutter zu verstecken, wenn man den anderen zufällig dort bemerkt hatte. Herbert war natürlich weiterhin im Radio zu hören, und als „Bleibt alles anders“ mir das erste Mal ins Ohr drang, dachte ich: jetzt dreht er durch…

94 war´s, da haben sich unsere Wege dann doch mal gekreuzt. Kurz. Zum Interview. Beim Echo, der da zum einzigen Mal in Frankfurt stattfand. Herbert wurde zum zweiten Mal zum „Künstler des Jahres national“ gekürt, war entspannt in Plauderlaune und man konnte ihn mit Mikro einfach so anquatschen. In späteren Jahren war es glaub ich einfacher, eine Audienz beim Papst zu bekommen…

Kleiner Einwurf: beim selben Echo hatte ich Udo Jürgens vorm Mikrofon, der für sein Lebenswerk geehrt wurde. Und der war mal richtig entspannt. Irgendwann erzählte er, dass er mittlerweile eh nur machen würde, was er wollte, zum Beispiel ein Techno-Album. Hat er dann doch nicht mehr gemacht. Leider. Wär bestimmt spannend geworden 😉

Zurück zu Herbert. Irgendwann kam „Mensch“. Und mich traf der Schlag. Nicht wegen der Musik, aber die Texte fand ich sensationell. Besser: die Sprache. Das Beste, das ich bis dato an deutschen Songtexten gehört hatte – abgesehen von BAP´s „Kristalnaach“. Das Ding ist bis heute unerreicht. Unerreicht auch Herberts Album – meistverkauft in Deutschland, knapp 4 Millionen Mal bis heute, aber nicht bei mir. Warum auch immer. Was soll´s 😉 aber für die Songs „Mensch“ und „Demo – Letzter Tag“ würde ich heute  noch meine Hand für ins Feuer legen.

Ignorieren – Begeistern. So ging das die ganze Zeit zwischen Herbert und mir. „12“ – ignorieren. „Schiffsverkehr“… da blieb für Herbert und mich wirklich alles anders. Ich hatte das Album geschenkt bekommen, hörte rein, war nicht schlecht – bis zu Titel Nummer acht. „Zu dir“. Kurz zuvor hatte ich meinen Hund in die ewigen Jagdgründe begleitet.

„Ich gewöhn mich nicht an keinen Augenblick. Was erstaunlich ist, macht keinen Sinn für mich. Weil quer übers Herz liegt die Erinnerung – sie bleibt immer jung.“

 

Das Ding traf mich wie ein Donnerschlag. Mitten ins Herz. Ich weiß nicht, was Herbert sich dabei gedacht hat, und ganz ehrlich: es hat mich nie interessiert, was ein Musiker mit seinem Song beabsichtigt hat. Wichtig war für mich immer nur, ob er mich damit trifft. Und Herbert hatte einen Volltreffer gelandet.

Danach war dann auch wieder gut. „Dauernd jetzt“ kam, und unserer bisherigen Rhythmik folgend musste das Album ignoriert werden. Und von mir aus konnte das auch ruhig mit „Tumult“ geschehen. Was natürlich ob der Single-Offensive vor VÖ einigermaßen schwierig war. Aber an dem blauen Herbert auf gelbem Grund konnte man sich auch schnell satt sehen, sollte also Ingnoranz-technisch mit dem Album schon gelingen.

Ging daneben 😉 Ich bekam das Album auf Vinyl geschenkt und mal ehrlich: es ist ja nicht so, als ob man sich Herbert nicht generell anhören könnte, versteht mich da nicht da mich falsch. Es gibt nur Künstler, von denen will ich den letzten Furz auf einem Tonträger besitzen, und welche, die mich hin und wieder punktuell begeistern, und sei es nur mit ein, zwei Songs. Was nicht schlecht ist, schließlich bin ich ein Album-Hörer.

Kennt ihr das: du hörst einen Song gefühlt tausend Mal im Radio, du legst die Platte auf, und wenn der Song kommt, wendest du innerlich ab, weil du ihn ja schon tausend Mal gehört hast. Das Album startet mit „Sekundenglück“. Inneres Abwenden war da erste Bürgerpflicht für mich. Ging auch daneben 🙂

Die Nadel senkt sich, und das TikTikTik zu Beginn, dass wie im Radio wie eine elektronisch verfremdete HiHat klingt, füllt sich auf einmal mit Raum, klingt auf einmal sehnig. Und das Herz schwappt dir über. Ich schau auf die Credits. „Mastered by Bob Ludwig“ reicht, um zu wissen, warum das Teil so Mörder klingt. Muss man sich natürlich leisten können 😉 Bob Ludwig ist toll. Er und Ted Jensen von Sterling Sound schaffen es, selbst Dosen-Ravioli zu einem Ohrenschmaus zu machen. 

„Doppelherz“ im Radio – ich mag türkische Musik nicht. Und jetzt knallt’s. Zappelfüsse beim Hören. Bis dahin vier Songs, keiner wie der andere, jeder eingängig, jeder mit einer kleinen musikalischen Überraschung. Nicht offensichtlich, aber speziell. Klar, die Herz-Schmerz-Balladen sind auch da. Die, die für ein Lichtermeer im Stadion sorgen werden. Und selbst die warten mit einem Sound-Gimmick auf. 

Erstaunlich auch, dass man die Texte nicht mehr mitlesen muss, um ihn zu verstehen. 😇  Klar, die Texte sind auch hier wieder schlau, komponiert, zuhörwürdig. Aber das, was mich hier wirklich fickt, ist die Musik. Plötzlich Mambo mit Breakbeat. Abbey Road Orchester trifft Mini-Moog, E-Piano trifft Geigenzupfen, stilistische Vielfältigkeit trifft Grönemeyer’sche Gewöhnlichkeit. Jeder Song ist eingängig, und bleibt doch nicht gleich hängen. 

Ich mach’s mal kurz 😉 Herbert überrascht. Mit das Beste, was ich je an deutscher Popmusik auf den Plattenteller liegen hatte. Wenn er mit der Nummer abtritt, hat er alles richtig gemacht. 

 

4 Kommentare zu „Ignoranz und Begeisterung. Herbert und ich.

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  1. Der 1. teil stimmt auch bei mir: Hatte auch mal die „Bochum“ auf Vinyl und die „Sprünge auf Band“. Aber dann hat er schon zu Wendezeiten Interviews gegeben, weshalb er nie in der DDR gespielt hat. Und da sprach der Blinde von der Farbe. Nie hier gewesen, aber den Kenner geben!

    Den ignorier ich konstant!

    Neulich in der NDR-Talk-Show: Dieser Papstempfang, der ihm da bereitet wurde: Personen-Kult total. Jeder Small-Talk-Spruch von ihm eine „letzte Weisheit“! Da wendet sich der Ossi mit Grausen! Stalin 2.0?

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