Die Brüllwürfel

Zu Beginn eines neuen Jahres scheint es bei mir das immer das Bedürfnis nach einem neuen HiFi-Spielzeug zu geben. Vor drei Jahren war es ein neuer Verstärker, vor zwei Jahren kam dann wie aus der hohlen Hand nach über dreißig Jahren noch mal ein Plattenspieler ins Haus. Und da meine CD-verwöhnten Ohren nach mehr Dynamik schrieen, sollte dann vor einem Jahr ein Phono-Verstärker her. Allerdings hatte der so seine Tücken… 🙂

Mein HiFi-Dealer (Hi-Fi Studio Bernd Müller Köln), dem ich seit Dekaden treu bin, empfahl mir die „Phono Box DS+“ von Pro-ject, zumal mein Dreher ja auch schon von den Österreichern kam. Der Preis war gut und natürlich konnte ich den Probanden erst mal zum Testen mit nach Hause nehmen. Nun ist es ja kein großes Zauberwerk, einen Phono-Verstärker anzuschließen und schon gar nicht für einen Nerd wie mich. An dem Ding bin ich allerdings verzweifelt: was auch immer ich tat – zu hören gab es nichts.

Hi-Fi Studio Köln

http://hi-fi.de/

Die Ferndiagnose meines HiFi-Dealers half nichts, sondern trieb ihn am Telefon zur Verzweiflung. Den Satz „Das kann dorch gar nicht sein“ hörte ich nicht nur ein Mal. Er kam vorbei – zumal das Exemplar, das er mir gegeben hatte, zuvor bei ihm im Studio einwandfrei funktionierte. Völlig im Unglauben stand er vor meiner Anlage und hatte gleich ein zweites Exemplar dabei. Doch auch damit lief einfach nichts. Bis heute wissen wir beide nicht, woran es liegt… Aber das Thema Phono-Verstärker hatte sich kurz darauf eh für mich erledigt, da – natürlich Anfang letzten Jahres 😉 – das Blacky bei mir einzog. Damit waren meine Dynamik-Probleme eh erst mal vom Tisch.

Kurz vor dem Jahreswechsel erfuhr ich von einem neuen Phonoverstärker aus dem Hause Pro-ject – nicht nur in limitierter Auflage, sondern auch optisch schwer sexy. Also zum Telefon gegriffen und meinen Dealer angerufen. Normalerweise, wenn ich bei ihm auf der Matte stehe und sexy will, schüttelt er den Kopf und zeigt mir in der Regel was günstigeres und besseres. Meist fehlt zwar die Sexiness, aber man will ja in erster Linie hören und nicht anschauen. Jedenfalls war ich genau darauf eingestellt. Tja, dumm gelaufen…

Pro-ject Phono Box ultra 500

https://www.project-audio.com/de/produkt/phono-box-ultra-500/

Er zeigte mir den Keces Ephono. Ok, der war nicht unsexy, hatte ein externes Netzteil, die Testberichte lasen sich ok, war aber auch doppelt so teuer wie der Pro-ject. Nach einem Blick aufs Konto konnte ich nur abwinken. Zwei Wochen später musste ich eh in die Nähe und sprang auf einen Kaffee bei meinem Dealer vorbei. Der drückte mir den Keces in die Hand mit den Worten: „Nimm mit, probier den übers Wochenende. Gefällt er dir, zahl wann du willst.“ – „Und wenn er mir nicht gefällt?“ Er lachte nur… 😇

Ich hatte ein wenig Angst ob der Erfahrungen mit dem Pro-ject – vielleicht war ich ja tatsächlich zu doof, um zwei paar Kabel und einen Netzstecker anzuschließen. War ich aber nicht. Es kam tatsächlich was aus den Boxen. Und wie! In Sachen Dynamik punktete das Teil von der ersten Sekunde, selbst so kalt und uneingespielt, wie es aus dem Karton auf mein Rack kam. Ich atmete erst mal durch, verbrachte den Abend ohne große Test-Gelüste, schließlich sollte der Amp nach ein paar Stunden am Strom erst langsam zur Geltung kommen. In den zwei Stunden entspannten Hörens konnte ich im Viertelstunde-Takt schon nebenbei wahrnehmen, das der Brüllwürfel anfing sich wohlfühlen…

wer das Technische braucht: http://www.kecesaudio.com/

Es war Wochenende und ich hatte Zeit für einen ausgiebeigen Test. Neu Geräte höre ich in der Regel immer im Vergleich, was normalerweise recht simpel ist, da die Eingänge meines Arcam A 39 alle gleich bestückt und geschaltet sind. Man muss nur hin und her schalten. Wäre bei einem Phonoverstärker nicht ganz so einfach geworden – ich hätte ja nur mit und ohne vergleichen können. Aber dass der Keces was kann, war klar. Also ging es nur darum, ihn mit verschiedenen Alben zu hören. Ich hab da so meine Standard-LPs, die ich für solche Gelegenheiten gerne rannehme. Einem Impuls folgend wollte ich aber diesmal anders starten 😉

Herman Brood ist für mich der Rock´n´Roll-Gott. Klanglich sind vor allem seine alten Scheiben nicht wirklich der Bringer. Und bei diesem Sampler wurden die Stücke nicht nachträglich gemastert – aber warum sollte man es dem Brüllwürfel also zu Beginn einfach machen 😎 Dafür machte der Amp vor allem eins klar: er deckt Fehler in der Pressung oder der Aufnahme schonungslos auf. Er geht nicht hin und verschönt oder verschleiert das Manko – er schlägt es dir brutal in die Ohren. Ein Knackser im Vinyl kann da schon mal dreidimensional klingen. Kein Scheiß. Sind die Aufnahmen toll, gehst du dafür in Knie vor Dankbarkeit. Die Toms zum Auftakt von „Tattoo“ – nie klangen sie besser! Auch nicht von CD.

Peter Gabriels „Car“ ist für mich ein Standard-Album zum Hörtest. Da sind die leisen, analogen, akustischen Songs wie „Humdrum“ neben orchestralen Bombast-Krachern „Here comes the Flood“ drauf. Und erst bei den Dynamik-Stücken hatte ich germerkt, dass ich die Lautstärke vielleicht mal ein wenig reduzieren sollte – obwohl ich leidgeprüfte und seeeehr tolerante Nachbarn habe. ♥ Und Punch kann der Amp! Aber er kann auch Feines! Das erfuhr ich dann vor allem bei Roger Hodgsons Album „Open the Door“. Klanglich als Remaster in 45 rpm eh schon was Herausragendes – mit dem Keces hatte ich zwischendurch allerdings Tränen in den Augen. Nicht bildlich, in echt. Das war noch nie bei dem Album passiert…

Ich will jetzt gar nicht jedes einzelne Album anführen, das ich zu solchen heranziehe und hier auch in aller Ausgiebigkeit und Freude getan habe. Aber eins muss noch: Deep Purples „Infinite“. Da die Deluxe-Box in meinem Regal steht, konnte ich das Album sowohl auf CD als auch als 45er Vinyl vergleichen. Das hatte ich schon beim Erscheinen des Albums getan – da hatte ich aber weder das Keces, noch mein geliebtes Ortofon 2M Black am Tonarm. Damals klang beides absolut identisch – CD und Vinyl gaben sich im direkten Vergleich keinerlei Blöße. Was mir gezeigt hat, daß die CD definitiv kein klangliches Teufelszeug ist. Gewußt hatte ich es eh 😉

Erst einmal hieß es: Dynamikanpassung. Also hab ich mir die CD auf angenehme Hörlautstärke gestellt und wollte die dann für Vinyl anpassen. Der Brüllwürfel war für mein MM-System auf +52dB gestellt – bei +46dB musste ich dann aber an der Fernbedienung die Lautstärke kaum noch nachjustieren beim Umswitchen von CD auf Phono. So viel dazu 🙂 Nachdem also die Lautstärkeeinstellungen angepaßt waren, konnte der eigentliche Vergleich vom Hörplatz auf dem Sofa aus beginnen. Und zum ersten mal in meinem Vinyl-Leben musste ich sagen: die LP klang jetzt einfach besser, aufgelöster, aufgeräumter. Gut, meinem CD-Spieler fehlte auch der externe DAC für einen fairen Vergleich – aber was soll´s.

By the way: Der Phono-Amp steht bei mir generell auf +52dB, denn auch das habe ich ausprobiert. Ich muss den Lautstärkeregler beim Umschalten auf Phono zwar deutlich nach unten betätigen – aber vorher war´s das gleiche Spiel, nur dass die Lautstärke deutlich nach oben nachreguliert werden musste. Mit +52dB Verstärkung hat das Klangbild einfach eine Spitze mehr Brillianz – bei gleicher Lautstärke im Vergleich zu +46 dB. Und ja: ich bin verrückt 🤪

Alles in allem habe ich fast einen ganzen Tag mit der Testerei verbracht, wobei die meiste Zeit natürlich reiner Genuss war. Das könnte jetzt von Neuem losgehen, denn als Kabel hatte ich das EFF-IX von Supra Cables am Brüllwürfel dran. Mein Dealer hat mir allerdings ein neues Kabel konfektioniert – so was macht er gerne. Allerdings werde ich auf weitere Testerei einfach verzichten. Erstens genieße ich das Musik hören mit Vinyl jetzt viel zu sehr – und zum anderen hab ich da einfach großes Vertrauen 🤗 Und beim ersten Hören kam das Klangbild schon deutlich aufgeräumter rüber.

Und nur, damit kein falscher Eindruck entsteht: ich nenn den Keces liebevoll „Brüllwürfel“! Der hat nicht nur Muckis – der hat auch Fingerspitzengefühl! ♥

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