Wenn der Albatros nicht abhebt

Liebt die Musik, die ihr liebt. Lasst euch nichts erzählen. Auch nicht von mir! Hauptsache, ihr liebt!

Die Beatles habe ich vom ersten Ton an geliebt. Mit allem vor „Beatles for Sale“ und allem danach. Herman Brood ebenso. Die könnten tibetanische Gebetsgesänge rückwärts einspielen – meinen Segen hätten sie. Wenn du diesen Status vor meinem inneren Geschmacksgerichtshof erreicht hast, kannst du nichts mehr falsch machen. Natürlich haben die auch Grütze produziert – so was gehört zur Entwicklung dazu. Da mußt du als Fan einfach durch.

Aprospos Entwicklung… „Ohne Peter Gabriel waren Genesis für mich tot.“ Ich hasse solche Aussagen ewiggestriger Musikliebhaber, deren musikalisches Bewusstsein irgendwann an einem Punkt felsenfest gestrandet ist wie ein toter Pottwal an der Küste Usedoms im Herbst. So was nenn ich Geschmacks-Nazi. Dabei bin ich aber nicht anders. Nur umgekehrt. Bands entwickeln sich weiter. Ob mit oder ohne einzelne Mitglieder. Und wenn sie das nicht tun, haben sie ihr Publikum auch verdient. Eines, wie das da oben angesprochen. Mich haben sie dann nicht. Aber von vorne…

Ich habe Genesis erst mit „Second´s Out“ entdeckt. Da war Peter schon weg – zum Glück für ihn und mich. Sein Solo-Werk gehört für mich zum Unantastbarsten, das es in History of Music gibt. Punkt. Aber sein Schaffen bei Genesis hätte ich noch nicht mal im Ansatz wohlwollend aufgenommen ohne „Second´s Out“. Ich wollte nach dem Album natürlich wissen, wie die Originale klangen. Und ganz ehrlich: ohne das Album hätte ich mich bestimmt nicht weiter mit Genesis beschäftigt. Da war viel Seltsames bei, mit Ausnahme von Lamb! Das hatte mich sofort!

Bei den anderen Alben, war dann eher Arbeit angesagt – ich wußte ja, dass mir einzelne Songs von „Second´s Out“ gefielen, also hatten sie auch als Studio-Version eine Chance. Aber je älter die Genesis-Alben wurden, um so schwerer wurde es für mich…

nicht, daß einer denkt, ich hätte was gegen Gabriel 😉

Wirklich griffig wurde die Band auf ihren Studioalben für mich erst nach Gabriels Weggang. Und er für mich mit seinem Solo-Schaffen auch. Es scheint also was damit zu tun zu haben, wann man eine Band oder Musiker entdeckt und sich dafür begeistern kann. Das ist am Ende des Tages aber auch völlig Latte – Hauptsache, man begeistert sich. Für Irgendwas. Nicht nur Musik. Aber was soll ich machen…

Bei Pink Floyd war´s ähnlich. Mit „Animals“ entdeckt, langsam das Vorwerk nach und nach entdeckt – was mit WYWH und DSOTM natürlich großartig war – bis zu den Anfängen. Allerdings ist nach wie vor „Ummagumma“ für mich das Erträglichste der Gefühle – alles davor ist nicht meins, von ein, zwei Songs abgesehen…

Schon verwirrt? Macht nichts. Kommt gleich.

Als Teeny-Junge in präpubertärem Zustand war ich total verknallt in Suzi Quatro. Blond, süße Brüstchen, Lederklamotten – Mann, war ich hin und weg. Bis sie es mit ihrem Gitarristen trieb. Da hab ich mit ihr Schluss gemacht. Zum Glück hatte Stevie Nicks schon was mit ihrem Gitarristen, als ich sie wahrnahm. Das gleiche Beuteschema. Nur ohne Leder. Aber zuckersüüüüß.

Ich bin ein Günstling der Gnade der späten Geburt. Jahrgang 61. Als mich die Pubertät mit vollem Anlauf erwischte, war die sexuelle Revolution bereits erledigt – ich konnte mich ins gemachte Nest setzen. Mein politisches Bewusstsein startete nach der ganzen 68er Aufregung – ich hatte schon zerschlissene Jeans an, als die ganzen Teenies mit den künstlichen Löchern ihrer Hosen noch nicht einmal ein Wunsch in den Lenden ihrer Großväter waren. Ich war immer eher Pop als message. Und ich entdeckte Fleetwood Mac mit „Rumours“.

„Rumours“ ist ein Jahrtausend-Album. So was gelingt dir nur einmal im Leben. „Tusk“ hat viele verwirrt, war aber für mich musikalisch um Welten spannender als der Vorgänger. Mac verdienten fortan eine Mörderkohle. Von mir aus gerne. Und während ich begonnen habe, das hier zu schreiben, läuft „Say you will“, ein Album, das kaum jemand auf der Uhr hat. Auch ich nicht, hab ich das doch erst vor wenigen Wochen entdeckt.

„Ohne Peter Green waren Fleetwood Mac für mich tot.“ Ihr merkt so langsam, worauf das hier hinausläuft 😉 Aber anders als bei Genesis oder Pink Floyd hab ich meinen Geschmacks-Faschismus bei Mac konsequent durchgezogen. „Albatross“ fand ich als Kind schon Scheisse, und deshalb hab ich mich nie um die Green-Ära gekümmert. Mußte ich auch nie. Ich wußte durch die Green-Jüngerschaft, dass es anders war als die Fleetwood Mac, die ich kannte. Und damit konnte die Frühphase schon mal gar nicht besser sein. Alles vor dem ersten Album mit Lindsey Buckingham hat in meinem Kosmos nicht stattgefunden. Und nie interessiert. Hier leiste ich mir den Luxus, ein richtiger Geschmacks-Nazi zu sein.

Im Grunde gilt in Sachen Mac nur eine Regel für mich: so lange Lindsey dabei war, war es gut! War Stevie mit dabei – doppelt gut. Wenn nicht, auch egal. Meistens war sie es ja. Und hin und wieder hatte sie ja auch ohne ihn ihre Lichtblicke. Wobei ich ehrlich sein muss: es gab eine Phase, da hatten sie mich einfach verloren. Das war nach „Tango in the night“. Aber für unsere Beziehung war das nur eine Pause. Kommt vor. Kennt man ja 😎

Einmal hatte ich Mac mal live gesehen, ohne Christine, aber mit Lindsey und Stevie. Eigentlich war es für mich ein Pflichttermin – einmal in seinem Leben sollte man die ja mal auf der Bühne gesehen haben. Das Faszinierendste daran war Lindsey – was er da auf seiner kleinen 6-saitigen Gitarre veranstaltete, hätte Mark Knopfler dazu veranlassen sollen, noch mal einen Auffrischungs-Kurs in Sachen Fingerpicking zu besuchen…

Vor einer halbe Ewigkeit fiel mir Buckinmghams Solo-Album „Gift of Screws“ in die Hände. Das war für mich mehr Mac, als Mac zu diesem Zeitpunkt hätten sein können. Das Album war kein kommerzieller Erfolg, aber „Underground“ hab ich auf meinem USB-Stick für´s Auto. Und er ist einer der wenigen Tracks, die ich unterwegs nicht weg skippe. Und das kann selbst den Beatles passieren. Und ihr wisst, was ich von denen halte

Letztes Jahr kam das Album „Buckingham/McVie“ raus. Für mich das beste Mac-Album, das Mac nie gemacht haben. Na ja, eigentlich waren ja alle an Bord. Bis auf eine. Aber egal, schon wieder ein Album unter Lindseys Namen, das mich begeistern konnte. Natürlich auch mit Christine´s Namen, und hört euch das Album an und ihr wisst, warum sie so groß und wichtig für die Band war. Jetzt ist sie wieder im Line-Up, Lindsey nicht – bei Facebook heißt so was: „Es ist kompliziert“ 😜

australische Pressung von 2013, Remaster

Vor wenigen Tagen war ich auf einer Plattenbörse. Dort entdeckte ich „Buckingham Nicks“, das Album, das Mick Fleetwood damals veranlasste, die beiden ins Boot zu holen. Aufgenommen in den Sound City-Studios, worüber Dave Grohl einen Film gemacht hat, der zum Besten gehört, was ich in meinem Leben an Musikfilmen gesehen habe. Und das waren einige. Wie immer, wenn ich Alben auf Börsen nicht traue – das Cover war in bemerkenswertem Zustand, ebenso wie das Vinyl, allerdings in purple, was ich schon seltsam fand – rief ich mal eben Discogs zu Rate. Die Version war dort zwar gelistet, durfte aber nicht verkauft werden. Counterfeit-Alarm! Aber versuch das Album mal in einer regulären und halbwegs hörbaren Version zu bekommen – du wirst arm…

Am Ende ist mir das ja egal, wenn es einigermaßen gut klingt. Aber versuch das mal, auf einer Plattenbörse zu klären. Der Verkäufer fand das Verkaufs-Verbot auf Discogs jedenfalls so interessant, dass er einen nicht unerheblichen Preisnachlass anbot. Das und meine „No Risk, no Fun“-Einstellung führten dazu, dass das Teil  meins wurde. Zu Hause angekommen konnte ich nur feststellen – Vinyl einwandfrei, Klang einwandfrei – und das Album selber: fucking geil!

Das war der Punkt, an dem ich verwirrt war.

Ich mochte jetzt sein erstes, sein letztes und ein „Dazwischen“-Solo-Album. Und seine Sachen mit Fleetwood Mac ja uneingeschränkt auch. Und ich liebäugelte seit Oktober letzten Jahres mit seiner Anthology – allerdings fand ich sechs Scheiben von einem Künstler, von dessen Solowerk ich bis dato nicht viel kannte, schon mutig…

Auf der anderen Seite wurmte es mich genau jetzt, dass ich da wohl doch einiges aus seinem Schaffen verpasst hatte. Also erst mal nachgeschaut, aber sofern man seine Solo-Alben überhaupt noch auf Vinyl bekommt, werden da schon anständige Tarife fällig – und das für Versionen, die noch nicht mal Mint sind. Von daher war die Anschaffung der Box eigentlich ein Schnäppchen 😇

Erstaunlich für mich war, als sie ankam, dass sie für eine Box mit sechs LPs recht „dünn“ war. But size doesn´t matter! Das Booklet knapp gehalten, aber mit allen notwendigen Infos. Die sechs LPs in gefütterten (!!!) Innentaschen – ich hatte ein gutes Gefühl ♥ Und als die ersten Takte von „Don´t look down“ erklangen war für mich klar – das hier ist was Großes! Tadellose Pressung, sauberst verarbeitet und klanglich aber so was von weit vorne! Eigentlich wollte ich erst mal nur „so nebenbei“ in eine Scheibe reinhören und dabei die neue „Mint“ lesen. Die mußte dann aber warten, wurde nur durchgeblättert und nach der dritten LP hatte ich dann ein Einsehen mit meinen Nachbarn, denn es war spät geworden.

Nur zur Erinnerung: wir reden hier von einem Best of. Kein Konzept-Album, kein Prog-Wahnsinn, kein Mega-Millionen-Seller oder gar ein Klassiker, das man zu Hause stehen haben muss! Wir reden von einem Best of einer Solo-Karriere, die nie die Anerkennung gefunden hat, wie bei Mac. Und auch nicht die, die sie verdient hätte! Mich haut das Teil jedenfalls um. Und die beiden Live-Scheiben sind ebenfalls großes Kino – tolle Auswahl, tolle Aufnahmen, klasse Sound!

aus dem Booklet

Das Beste daran aber ist: du erkennst sofort, dass jeder Song von ihm ist – aber kein Song klingt wie der andere. Eine tolle Bandbreite, die ich so nicht erwartet hatte. Und schon gar nicht von den Songs aus den frühern 80ern 🤩 Wer die Mac-Alben mit Buckingham mag, wird hiermit keinen Fehler machen. Und von mir aus können die ganzen „Fleetwood Mac waren nach dem Weggang von Peter Green“-Jünger zum Sterben in den Keller gehen.

Aber macht die Tür zu. Fest!

4 Kommentare zu „Wenn der Albatros nicht abhebt

Gib deinen ab

  1. Dem gibts es nichts hinzuzufügen. Auch wenn ich für mich selbst merke, dass ich musikalisch mehr in der Vergangenheit lebe als in der Gegenwart – heute ist eben alles schlecht ;-).
    Von oben genannten Bands kann ich für mich eigentlich nur etwas mit Genesis anfangen. Die Beatles klingen für ein musikalisches 90er Kind wie mich zu altbacken, in Pink Floyd konnte ich mich nie wirklich herreinhören. Fleedwood Mac hat mich dann aber doch über Coverversionen (R.E.M. – was sonst…) gekriegt. Was Genesis betrifft, auch da konnte ich mich in die Peter Gabriel Phase nie herreinhören – bei Gabriel Solo gelang mir das super (und wo wir schon dabei sind, ich mag auch Mike & the Mechanics). Genesis aus der Phil Collins hat es da einfacher. Der Pop-Rock-Prog-Mix geht schnell ins Ohr. Durch die Ohrwürmer auf den Platten gelang es mir auch besser mich in die komplexeren Stücke dazwischen einzuhören und natürlich dann auch in das ältere Material aus der Prä-Pop-Ära. Collins Solo ist natürlich auch mein Fall. Unter den Tisch fallen lassen möchte ich da auch nicht die Platte mit Ray Wilson.
    Es gibt natürlich auch Bands, die sich von mir weg entwickelt haben. Bestes Beispiel ist da Coldplay. Den melancholichen Alternative Rock der ersten Alben kann ich heute noch viel abgewinnen. Dem heutigen „Dance-Projekt“ (frei nach Liam Gallagher) nicht mehr.

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    1. Die Geschmäcker sind verschieden 🤣 die Calling all Stations ist für mich das Schlimmste, was je das Licht der Welt erblickte. Dafür bin ich Sachen coldplay bei dir, aber ich kann auch den neueren Alben was abgewinnen 😉 und live sind die ne Macht.

      Gefällt 1 Person

  2. Kurios, dass wir auch hier so diametral auseinander liegen, aber gleichermaßen zur Schwärmerei neigen, und dann gibts doch noch Gemeinsamkeiten:

    Fleetwood Mac: Die Green-Phase (who cares? Geht mir wie dir. Die Bluesigen Zeiten: Lass mich blues in Ruhe!) „Albatros“ ist aber trotzdem toll!
    „Rumours“ – war mir seinerzeit aber zu poppig und „don’t stop“ ertrag ich bis heute nicht! Zu abgedudelt vom 70er Radio. „Go your own way“ aber fand ich schon immer geil – deshalb hab ich 2010 herum meinen Frieden mit der CD gemacht und sie doch noch angeschafft. Das 1-Ton-Gitarrensolo von the Chain – herrrrlich! Dazu musste noch die „Mirage“ ran, vor allem wegen „Gipsy“! Bei mir auf fast allen Autobahnsamplern vertreten.
    Das beste Fl. Mc. -Album aller Zeiten aber ist – „Buckingham/McView“! Übereinstimmung: Das beste Album, das FM nie gemacht haben.

    Suzi Quatro: Mit 14/15 fand ich ihre Musik geil; als Schwarm aber – näääää. Niemals! Marianne Rosenberg! Und Ann Wilson von Heart! Steh ich auf dunkel? Hm. Fällt mir ne hübsche Promi-Blondine ein? Die junge Bardot eventuell, Lena Valeitis, oder die von den Mansons gemesserte Sharon Tate… Chi Coltrane – Wowwww! Musikladen – Hallleluuuuuuuja!!!! Ne, also an der Haarfarbe kann es nicht gelegen haben.

    Genesis schwierig? Nö. Mein Anfang waren ebenfalls „Seconds out“ und „Then there were three“ – Aber die erste richtig gute West-LP, die ich aufnehmen konnte, war „Trespass“. Ich mag Genesis bis „Duke“, ab dann bin ich Geschmacks-Nazi.

    Gabriel Solo: Mag ich heute nur noch die erste und „Gabriel plays live“ als gute Best of.

    Die „So“ war mir zu wummerig; Sledgehammer nervt wie Hölle und „Dont give up“ is sülz! Vorwegnahme von Benzko & Co.

    Und ne Kiste, in der mir der Inhalt komplett gefällt, hätt‘ ich auch noch zu bieten:

    https://tokaihtotales.wordpress.com/2017/02/25/the-unknown-rick-n/

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