The Great Gig in the Sky

Wir werden alle sterben. Und wir alle wissen das. Und bevor ihr jetzt weiter lest – hier werden Sachen stehen, die nicht jedem gefallen werden.

Das Schöne ist: es ist mir egal. Es ist mein Blog. 😉

Ich finde es mittlerweile befremdlich, dass beim Tod von Promis jeder via Social Media seinen Senf dazu geben muss. Als Lagerfeld vor kurzem das Zeitliche segnete, waren die Twitter-Trends beinah komplett durch ihn besetzt. Selbst die „Jogginghose“ war dabei. Und als alter Fashionista, der ich bin, hätte Karl mich nicht mal mit der Feuerzange angesehen. Und du hast ihm bestimmt auch nie die Hand gegeben!

Natürlich ist das traurig, wenn ein Mensch stirbt. Und natürlich haben wir alle unseren eigenen Weg, um mit der Trauer umzugehen. Aber Trauer war mal was sehr privates. Intimes. Etwas, dass man im engsten Kreise geteilt hat. Die Zeiten sind wohl auch gestorben. Leider.

Ich weiß noch genau, was ich am 8. Dezember 1980 gemacht habe. Das Abi lag hinter mir, der Wehrdienst vor mir, und da ich da keinerlei Sinn darin sah, hatte ich den verweigert und wartete auf mein Verfahren. In der Zeit arbeitete ich bei einer Spedition und fuhr mit meinem 7,5-Tonner die Laderampen am Niederrhein ab. An dem besagten Tag lag Schnee, besser: Schneematsch auf den Straßen. Nicht wirklich gefährlich, da nur feucht und nicht festgefroren.

Es war Nachmittag, auf der B9, irgendwo zwischen Krefeld und Willich. Das Radio lief und eine Stimme sagte: „John Lennon ist tot. Er wurde vor dem Dakota Building in New York erschossen.“ Erster Reflex: Bremsen, rutschen, der Graben neben der Fahrbahn war klein, nichts passiert. Ich heulte wie ein kleines Kind. Lennon war „mein Held“. Damals. Und Lennon war tot.

Ich bin im Laufe meines Lebens nicht oft mit dem Tod in Berührung gekommen. Als einer meiner Opas starb, war ich gerade mal vier. Ich hatte den ganzen Vorgang auf dem Friedhof nicht verstanden. Der nächste war Lennon. Auch in den Jahren danach zog mir der Tod von Angehörigen nicht wirklich die Schuhe aus.

Auch, wenn ich diese romantisierte Vorstellung vom Great Gig in the Sky sehr unterhaltsam finde – sonst wär die Geschichte auch gar nicht möglich gewesen – glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod. Dabei hat das eigentlich gar nichts mit Glauben oder gar einer religiösen Wertvorstellung  zu tun. Ich möchte nur einfach, dass irgendwann auch mal echt Ruhe ist.

Ich hab mein Leben einfach nicht darauf ausgerichtet, dass danach noch was kommt. Ich will das einfach nicht. Nachher kommt da noch einer und zeigt dir, wie alles anders hätte laufen können, wen du da und da nicht rechts, sondern links abgebogen wärst. Was für ein Stress! Nein, ich will das nicht.

Natürlich kann uns auch der Tod von prominenten Mitmenschen, vor allem der von Musikern erst einmal schocken. Gerade von denjenigen, die den Soundtrack zu unserer Jugend gespielt hatten, da, wo alles wild und aufregend und vor allem neu und spannend war. Aber mal ehrlich: gekannt haben wir sie nicht. Und wenn wir ihnen tatsächlich mal leibhaftig begegnet sind, befand sich meistens dann doch ein Bühnengraben dazwischen.

Mich hat auch der ein oder andere Abgang berührt. Aber meine erste Reaktion – nach dem erschrocken und eventuell betroffen sein – ist meist nicht wirklich öffentlichkeitstauglich. 🙂 Ein Beispiel: meinen absoluten Lieblings-Abgang von der Bühne des Lebens hat für mich David Bowie inszeniert. Und ich schwöre, dass ich jetzt keinen Aluhut aufhabe, aber der Thin White Duke hatte doch einen Plan…

Ich war auch geschockt, als die Nachricht von seinem Tod kam. Nicht weil er mich musikalisch irgendwie geprägt hätte. Ich fand das Album „Let´s Dance“ immer toll. Und den Song „Hearts Filthy Lesson“. Natürlich hab ich auch mehr von ihm im Laufe seines Lebens mitbekommen – aber das waren die beiden Sachen, die mich nachhaltig beeindruckt hatten. Mehr nicht. Und seien wir mal ehrlich – er hat auch nicht nur goldenen Eier gelegt 😉 aber das gehört zum Werken eines Künstlers halt auch dazu. Wie das Leben zum Tod.

Und dann kam „Blackstar“. Das Album. Und damit hatte er für mich echt einen Meilenstein rausgehauen. Und zwar VOR seinem Tod!  Das fing schon mit der ersten Single an. Am 19.11.2015 erschien das Video zu „Blackstar“, dem Song. Dieser kleinen, wirren Oper, die im Video voll mit morbiden Anspielungen gespickt war. Mir schwante da schon was – ich wusste nur noch nicht was.

Das änderte sich dann am 7. Januar 2016, der Tag, an dem das Video zu „Lazarus“ erschien. Lazarus! Der arme Mann, dem vor der Tür eines Reichen die Hunde die Geschwüre leckten… (Ja ich weiß, es gibt noch eine andere biblische Version – aber schau dir das Video an, und du weißt, welche angesagt ist…) „Look up here, I´m in Heaven. I´ve got scars, that can´t be seen…“

Beides sind ganz großartige Song-Meisterwerke! ♥ nur, damit es gesagt ist!

Einen Tag später kam sein letztes Album auf den Markt – an seinem 69. Geburtstag. Und wiederum zwei Tage, nachdem er „sein Baby“ auf die Welt gebracht hat, stirbt er. Wenn Bowie keinen Plan gehabt, dann weiß ich es auch nicht… und ich lass jetzt mal einfach außen vor, dass er ganz konkrete Anweisungen zu seiner musikalischen Nachlassverwaltung gegeben hat. Ich wette, Bowie sitzt beim Great Gig in the Sky irgendwo auf einem Barhocker, reibt sich jetzt noch schelmisch die Hände und kriegt das Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht. Meinen Respekt hat er.

Und jetzt stell dir mal vor, ich hätte den Barhocker-Satz an Bowies Todestag gepostet…

Warum ich mir diese ganzen Gedanken gerade jetzt mache? Die Antwort ist Mark Hollis. Talk Talk hatte ich erst im letzten Jahr entdeckt. Glücklicherweise war „It´s my Life“ mein Startpunkt – dem Debüt-Album kann ich bis heute nichts abgewinnen. Und mit jedem Album wurde die Musik immer besser, ich konnte unbelastet und Schritt für Schritt diese wunderbare  Entwicklung miterleben – bis zu „Laughing Stock“. Herrlich!

Natürlich hatte ich auch erst mal bei der Nachricht seines Todes die Augen entsetzt aufgerissen. Aber mal ehrlich: Mark Hollis war die letzten 20 Jahre schon nicht mehr da! Und das kann man wörtlich nehmen, er wollte nämlich wohl auch gar nicht da sein. Ich überlegte kurz, mir vielleicht doch noch „The Party’s Over“ zuzulegen – ein ganz normaler Reflex bei musikinteressierten Menschen, wenn man sich die Verkäufe nach dem Ableben eines Künstlers ansieht 😉 Aber bei aller Liebe: ich wollte die Faszination meines Entdeckens von Talk Talk durch das Album nicht trüben – so toll ist es einfach nicht.

Toll fand ich dagegen diesen Nachruf – allein schon für den Satz „Mark Hollis der Welt wieder einmal abhanden gekommen“ ♥

Wenn Musiker, die für einen prägend waren, sterben, ist das bestimmt traurig. Mich tröstet da immer eins: Ihre Musik bleibt!

Warum ich das so empfinde, mag daran liegen, dass ich schon mal nah dran war, am Tod. Jedenfalls: ich hatte das Licht gesehen. Und als das weg war, musste ich als Erstes grinsen und an die Blues Brothers denken. Das erklärt vielleicht einiges 🙂

~. ~. ~.

Kleines Update: war gestern im Concerto Recordstore in Amsterdam. Konnte sie dann doch nicht stehen lassen 😉

6 Kommentare zu „The Great Gig in the Sky

Gib deinen ab

  1. Hey, grandios. Wir sind also ein Alter. Mich hat Bowie geprägt und Lennon eher nicht. Die „Double Fantasy“ ist echt auch kein „goldenes Ei“ gewesen. Aber ich gebe zu: Bowie hat so einige „nicht goldene Eier“ zu bieten. Die „lets dance“ gehört für mich dazu, auch wenn sie viel Geld gebracht hat. Talk Talk mag ich seit „It’s a shame“ im Musikladen lief. Also etwas länger schon.

    Den schönsten Satz zum Thema sterbende Altstars hat Waggershausen auf seiner jetzt gerade neuen CD festgehalten: „Der Rock and Roll ruft seine Kinder heim.“ In Zeiten von Jammerlappen-Pop und Gangsta-Rap hat das was!

    Ein planvoller Abgang ist dir entgangen: Noch durchgeplanter als Bowie – war der von Freddy Mercury.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: