Austausch, tauschen, lauschen

Musik mit dem Smartphone hören – da gibt es zwei Wege und um es gleich vorweg zu nehmen: ich höre keine Musik mit dem Smartphone!!! Bestenfalls, wenn ich auf längeren Reisen unterwegs bin. Oder wenn ich tatsächlich mal während des morgendlichen Berufsverkehrs auf den ÖPNV zurück greifen muss. Das ist der Moment, wo ich dem Erfinder des Noice Cancelling bei Kopfhörern einen Altar bauen möchte 😂

Wenn ich Musik höre, dann gerne in Ruhe. Da, wo meine beste Hörposition ist, ist eine tiefe Kuhle im Sofa. Die Boxen sind darauf perfekt ausgerichtet und jedes neue Album, das meinen Weg kreuzt, bekommt beim ersten Mal meine volle Aufmerksamkeit. So ist es, so war es. Doch irgendwann, vor gar nicht allzu langer Zeit, bin ich vom geheiligten Pfad abgekommen…

Ich war immer ganz wild darauf, mich über Musik mit meinen Mitmenschen auszutauschen. In meiner Jugend war das relativ schwierig, da ausser mir niemand die Besessenheit an den Tag gelegt hat, wie ich, sich mit Platten zu beschäftigen, die Credits auswendig zu lernen oder alles zu meinen Lieblingsbands in sich aufzusaugen. Keine Angst, ich war kein einsamer Nerd. Nur ein wenig exzessiv mit meinem Hobby. Was den Austausch allerdings schwierig gestaltete.

Naturlich interessierte sich auch mein Umfeld für Musik. Aber halt eben nicht für meine. Beatles, ABBA, The Sweet konnten nicht gegen Dylan, Young oder Donavan anstinken. Na ja, umgekehrt war es nicht anders. Wahrscheinlich stammt meine bis heute dauernde manifestative Ablehnung, Dylan als Musiker zu aktzeptieren, genau daher. Ich war immer mehr pop als message, was aber für mich keine Notwendigkeit darstellte, einen Psychater aufzusuchen.

„Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen“. Trotzdem wollte ich immer darüber reden, mich austauschen, Inspiration erfahren. In der Schule ergaben sich dann auch so ab der 9. Klasse einige Möglichkeiten. Ohne meine Mitrabauken aus der letzten Reihe hätte ich nie Rainbow und damit Richie und damit Purple entdeckt. Wahrscheinlich schon, aber halt nicht zu dem Zeitpunkt. Und Zeitpunkte sind enorm wichtig in der musikalischen Sozialisation. Aber die Mitrabauken wollten nicht nur nicht großartig über die Musik reden – sie wollten ihre Platten tauschen. Leihweise. Ein Vorgang, der mir mit 15 schon zuwider war. Damals wusste ich noch nicht warum. Heute weiss ich, mich auf mein Bauchgefűhl zu verlassen 😉

Es war etwa 10 Jahre später. Beim Studium. Ich lernte Ella kennen. Ella war heiß, und Ella wollte was. Keine Platten, sondern „ihr wisst schon“. Und wir hatten jede Menge Spaß, denn sie war alles andere als schüchtern. Allerdings: Sie war der Typ von Mädchen, das der Ansicht war, dass Phil Collins vom Himmel gefallen war. Als ich ihr dann offenbarte, dass er zuvor in einer britischen Kinder-TV-Serie mitspielte, dann bei Genesis trommelte und dort auch gesungen hatte, bevor Peter Gabriel die Band verließ, war ihre einzige Reaktion: “Echt?! Na ja,…”

Eines Tages kam ich nach Hause und hatte Lust auf „No jacket required“ von Phil Collins – aber die Scheibe war nirgends aufzufinden. Ich war schon beinah so etwas wie krankhaft pedantisch in der Aufbewahrung meiner LPs (ich war, wenn man´s genau nimmt, sogar hysterisch, cholerisch und ohne Heilungschancen extremst krankhaft kleinkariert in der Beziehung) und eigentlich konnte die Platte nur zwischen “Hello, I must be going” und Ry Cooder´s “Bop till you drop” stehen – nichts. Und obwohl es gar keine andere Möglichkeit gab, wo das Teil hätte sein können, schaute ich sogar hinter dem Kühlschrank nach. Nichts. Als ich aus dem Keller kam (wie um alles in der Welt hätte Phil Collins da hingeraten sollen, eher wäre die Erde zum Dreieck erklärt worden), klingelte das Telefon.

mittlerweile ist das Album auf CD hier. So wichtig war es eigentlich gar nicht 😉

Ella war dran. Und wie sich herausstellte, hatte sie sich die Platte mit nach Hause genommen. Einfach so. Weil sie „One more Night“ so toll findet. Gut, ich hätte einfach abfällig „Mädchen“ denken können – aber mein Weltbild war gerade zusammengebrochen und begann sich zumindest langsam wieder in den Grundfesten für eine halbwegs normale Existenz zu manifestieren. Dass mein Album nicht an seinem angestammten Platz war: o.k. Na ja, halbwegs. Dass ich annährend eine Stunde mit der Suche nach dem Album verschwendet hatte: in Ordnung (schließlich war das vermisste Stück ja wieder aufgetaucht). Dass dieses Album immerhin von einem quasi Angehörigen entführt wurde: gerade noch am Rande des Akzeptierbaren.

Die Vorstellung, dass sich eine gänzlich unqualitative, seit Jahrhunderten im Gebrauch befindliche Nadel eines völlig unsymmetrisch eingestellten Tonarms sich auf einem billigen, leichten Plattenteller ohne irgendeine Form der Justage in das Vinyl stürzt, ohne einen tamponfaserzarten Hauch von Rücksichtnahme in das Material eingräbt, ja fast zerfetzt: schlimm. Sehr schlimm. Verdammt sehr schlimm. Es tat weh. Die Dame existierte fortan für mich nicht mehr. Und ich hatte damals Freunde, die meinten, sie sei eigentlich noch zu glimpflich davon abgekommen ☠️

Jetzt hat der geneigte Leser eine ungefähre Vorstellung davon, was ich vom „Platten tauschen“ halte…

In Zeiten von Social Media ist das mit dem Austausch (dem kommunikativen! 🤗) , das mit Informieren und dem Inspirieren ziemlich simpel. Und ich habe das die letzten zwei Jahre auch sehr genossen. Auch wenn sich mir manchmal die Fußnägel aufrollten, wenn einer nach einem Youtube-Link zu einem Album fragte, das ich gerade hörte und er offensichtlich nicht kannte. Natürlich geht der Austausch auf die Weise auch online ziemlich bequem – aber Alter, google doch selber!

Nichtsdestotrotz: Endlich konnte ich mit Gleichgesinnten über die Musik, die ich gerade hörte, austauschen, ohne dabei reden zu müssen und ich war hellauf begeistert. Eine Gruppe von Leuten, auf deren Urteil ich wert lege, die ähnlich bescheuert sind wie ich und deren Plattensammlung mich durchaus zur ein oder anderen Neuentdeckung hinreissen konnte, klang nach Paradies. Das passierte in aller Regel online, doch mit der Zeit lernte man sich auch in der analogen Welt kennen und schätzen, traf sich zum Hören, Essen, Plaudern oder zum gemeinsamen Diggen.

So weit, so gut. Ich konnte zu Hause auf meinem geliebten Hörplatz sitzen, den Klang meiner Scheiben genießen, mich mitteilen ohne dass jemand den Hörgenuß störte. Ich machte Fotos der Alben, die ich hörte, postete sie bei Facebook und Instagram, stellte irgendwann fest, dass Insta keine tollen Filter hatte, besorgte mir eine App für Bildbearbeitung, beantwortete nebenbei Fragen zu den Alben, die ich gepostet hatte, fragte selber bei anderen Mitstreitern nach, bearbeitet Bilder, später sogar getrennt für Insta und FB, sah, dass ein guter Freund online war, fragte nach dem Stand der Dinge, erzähl, erzähl, Platte umdrehen, Platte zu Ende, neue auflegen, mal eben durch den Feed scrollen, um nichts zu verpassen, jemand fragt nach einem Youtube-Link 😣⬆️, ein paar Recherchen für den neuen Blog-Artikel, neues Foto machen, das dann aber eine andere Perspektive bieten sollte als das vorherige, das Licht paßt allerdings nicht, als Gruppen-Admin nebenbei Fragen beantworten und mit den anderen Admins abstimmen, wieso antwortet einer nicht, der ist doch online, erst mal die Bilder wieder anpassen für die jeweiligen Kanäle, interessantes Cover entdeckt, schnell mal bei Youtube reinhören, toll, bei Amazon checken, ob das Album verfügbar ist, Mist, ab zu discogs, suchen die Platte neigt sich langsam wieder dem Ende, mal eben durch das Fotoarchiv scrollen, da ich nicht wußte, was ich als nächstes hören wollte, irgendjemand markiert mich in seinem Beitrag, nachschauen wieso, Kopfschüttlen, abwägen ob man überhaupt drauf reagieren soll, checken wie der letzte Blog-Artikel so läuft, oh ein Kommentar, schauen, wer das ist, ich sollte mal was Essen…

Fotoarchiv auf dem Smartphone

Richtig. Es machte plötzlich einfach keinen Spaß mehr. Und das Schlimmste: ich war selber daran Schuld. Wie gesagt: ich kann da exzessiv sein 😇

Natürlich will ich nicht auf Social Media verzichten. Oder auf Freunde. Aber ich will mein Online-Verhalten ändern, um wieder mein Hörverhalten zu ändern. Musik hören soll für mich wieder Genuss werden. Der Blog macht mir einfach Spaß. Insta ist entspannt. Also muss Facebook dran glauben. Zumindest in Sachen Facebook-Gruppen. Denn gänzlich auf FB zu verzichten wäre auch nicht meine Sache. Aber dieses Gruppen-Ding ist irgendwie nicht meins. Das ist wie mit einer jungen Geliebten – die erste Zeit ist alles toll und aufregend, doch irgendwann kommt der Punkt, wo dich das Geräusch, das sie beim Essen eines Apfels macht, unglaublich nervt. Und das Geräusch hab ich in letzter einfach zu oft gehört… 🍏🍏🍏

Natürlich mag ich es auch weiterhin, mich über mein Hobby auszutauschen. Über Musik, über Platten, über HiFi-Bausteine, über Bands, Konzerte oder musik-philosophische Fragen wie „Darf man Greta van Fleet einfach nur Scheiße finden?“. Aber das muss ja nicht alles gleichzeitig sein 😎 Ich will auch nicht auf Inspirationen verzichten – der eigene Horizont ist ja erfahrungsgemäß einfach nicht groß genug. Und natürlich will ich auch weiterhein die Welt an meinen neuen Scheiben teilhaben lassen. Ich wär ja blöd, darauf zu verzichten 🤣 Aber ich muß ja nicht jedes Mal, wenn sich die Nadel ins Vinyl senkt, online meinen Senf dazu ablassen…

Es ist toll, sich wieder nur auf die Musik zu konzentrieren. Für Instagram und Facebook versuche ich zudem, unterschiedliche Strategien zu entwickeln. Und auch die jeweiligen Stories-Funktionen bieten da ja angenehme Spielmöglichkeiten. Abgesehen davon macht es gearde großen Spaß, das alles auszuprobieren. Aber die oberste Regel habe ich mir – quasi sprichwörtlich – hinter die Ohren geschrieben:

Wenn ich Musik hören will, ist das Smartphone tabu!

Dafür kommt das Tablet neuerdings erschwert zum Einsatz. Nein, kein Widerspruch, denn dann läuft die Musik „nur“ nebenbei. Aber neue Ideen für diesen Blog hier kommen am häufigsten, wenn ich Musik höre. Und es gibt ja genug davon in meinem LaMös ❤️

By the way: Ich werde bald – zumindest für eine gewisse Zeit – verstärkt auf den ÖPNV zugreifen müssen 😉 Das heißt, dass ich eine ganze Weile unterwegs Musik mit dem Smartphone hören werde. Nicht zum Genießen, sondern um die Umweltgeräusche zu reduzieren. Und das Schöne dabei: mehr Zeit zum Schreiben wird dann auch sein.

P.S.: die Antwort auf die Greta van Fleet-Frage ist übrigens: ja! Wenn nicht gar: unbedingt!

4 Kommentare zu „Austausch, tauschen, lauschen

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  1. Kommt mir bekannt vor. Die Pedanterie – ich weiß, wo meine (CDs) stehen.
    Mit dem „Reden über Musik“ war’s bei mir andersrum. Leute zu fnden, die auch drüber reden wollen, das klappte früher besser. Deshalb stieg ich ja in diverse Foren ein. Hierherum gibts nur die schöne atemlose Helene und Malle-Hit-Konsumenten. Erntefest-Mugge eben. Da is einer schon King, wenn er die Stones und AC/DC auseinanderhalten kann. Weiß auch nicht, was meine Alterskohorte hier oben im Norden in ihrer Jugend so gemacht hat. Nur gesoffen und Katja Epstein auf Deutschlandfunk krähen lassen?. Wahrscheinlich.

    Ich unterhalte mich auch lieber mit Leuten, die nicht meinen Musikgeschmack haben, aber sie sollten eben einen haben. Da kann man also was entdecken. Nicht nur abgegraste Weiden noch weiter runterfressen. Bei dir bin ich auf den Godley&Creme Tipp gestoßen. 10cc und alles was damit zusammenhängt, wollte ich mir immer wieder mal schön hören. Nach „I’m not in love“ kam bloß leider nichts ähnliches. Auf „Rock&Roll Lulaby“ stieß ich noch mit Müh und Not, aber der Rest? Nö. Wurden Godley&Dings früher im Radio gespielt und gelobhudelt (Das hab ich nicht vergessen) kam mir das mit 17/18/19 trotzdem irgendwie reizlos vor. Jetzt klingt das plötzlich anders. Inzwischen bin ich also „reif genug“.

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  2. Ich höre Musik vom Smartphone – aber das ermöglicht mir auch mein Telefonclip, der via Blauzahn die Verbindung zwischen smartes Telefon und meinen Hörgeräten herstellt. Und ich mag es. In den Öffis eher weniger, weil ich trotzdem die teilweise unangenehmen Nebengeräusche hören kann, aber wenn eine Fahrt oder der anschließende Fußweg etwas länger dauert, dann ist so etwas doch sehr praktisch.

    Zwar habe ich nur eine kleine, überschaubare CD-Sammlung, aber nachdem ich sie alphabetisch nach Künstler und dann nach Erscheinungsjahr geordnet habe, weiß ich, wonach ich suchen muss…

    Gefällt 1 Person

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