With and without you

Einstieg, Variante 1:

Seit ich mich wieder mit Vinyl beschäftige, hat sich mein Rezeptionsverhalten in Sachen Musik geändert. Und ja: ich habe mal Soziologie studiert 🤣 im Nebenfach. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: ich entdecke zusehends mehr interessante Scheiben in den musikalischen Lücken, die ich in den letzten Dekaden hinterlassen habe. Natürlich bin ich kein Verweigerer richtig neuer Entdeckungen, aber gerade das laufende Jahr scheint dafür nicht gemacht zu sein. Und dieser „Lückenfüller-Trend“ hatte sich bei mir schon vor zwei Jahren angedeutet. Bestes Beispiel dafür: U2.

Einstieg Variante 2:

Normalerweise bin ich sehr stringent, wenn ich die Musik einer Band für mich entdeckt habe. Kaum, dass mein Herz entflammt ist, schaue ich nach, was ich alles verpasst habe – und kann mich dann in einem wahren Kaufrausch verlieren 🙂 Muse war so ein Fall. Oder Pink Floyd, Dave Matthews oder Porcupine Tree. Ich kann da schon fast manische Züge an den Tag legen. Manchmal bin ich da allerdings auch zurückhaltend – dann reicht es aus irgendeinem irrationalen Grund, diese EINE, oder vielleicht zwei Scheiben zu besitzen. Und dann gibt es noch so einen Fall, der zwischen Begeisterung und Abneigung hin und her gependelt ist. Und das über ganze Dekaden! Einzigartig in meiner Historie. Wir reden von U2.

Einstieg Variante 3:

Mir ist Bono mit seinem Gehabe eigentlich immer auf den Sack gegangen!

Wir können jetzt also loslegen 😉

Es muss so 1983 gewesen sein. Und es hatte was mit dem Rockpalast zu tun. Wer wie ich die erste Rockpalast-Nacht mit Rory Gallagher live zumindest vorm Fernseher mitbekommen hat – Ton über UKW mit Kopfhörer versteht sich 🤩 – ließ sich schnell schon mal durch die Marke „Rockpalast“ beeinflussen. Irgendwie landete „Under a blood red sky“ bei mir und mich hatte gleich diese unglaubliche Energie begeistert, die das Album vermittelte. Auditiv! Denn als ich daraufhin den Mitschnitt vom Rockpalast gesehen hatte, war´s vorbei mit der Begeisterung. Der Frontmann ging mir mit seinem Gestus so was von gegen den Strich, dass das Thema U2 für mich gegessen war. Bis 1987.

Mal ehrlich: an „The Joshua Tree“ gab´s damals einfach kein Vorbei. Riesen Medien-Hype, tierische Präsenz im Radio und unter uns Gebetsschwestern: das Album ist einfach toll. Allerdings hatte sich meine Abneigung gegenüber Bono zwischendurch immer wieder verfestigt, so z.B. bei Live Aid. Nicht, dass der Mann Blödsinn erzählt hätte – es war immer noch das Wie, wie er seine Botschaften transportierte. Das ging so weit, daß ich jahrelang jedem, der es nicht hören wollte, erzählte, dass ich U2 absolut nicht leiden konnte. Bis ich sogar selber daran glaubte. Felsenfest!

Ende der 90er schaute ich dann mal in mein CD-Regal – und was soll ich sagen: zu meinem eigenen Erstaunen standen da alle Alben von „Joshua Tree“ bis „Pop“ 😮 Ich war dermaßen selber über mich erstaunt, dass ich mir mein gesamten Ouevre von U2 vornahm, durchhörte und für gut befand. Das betraf vor allem die Veröffentlichungen in den 90ern. Das ging sogar so weit, dass ich mir das Konzert zur PopMart-Tour in Köln gönnte und für sensationell befand, inklusive Bono! Und erst da wurde mir gewahr, wie großartig die Musik, die Alben und die ständige Neu-Entwicklung dieser Band waren.

Kurz danach war damit aber wieder Schluss. Und ich weiß bis heute nicht warum. Der Faden zwischen den Iren und mir riss einfach mit Beginn des neuen Jahrtausends ab. Irgendwie bekam ich zwar immer mit, dass es mal wieder was Neues von U2 gab – es interessierte mich allerdings nicht die Bohne. Und dieses eigenartige Verhältnis von Begeisterung und schlagartig einsetzender Ignoranz fiel mir erst 2017 wirklich nachhaltig auf.

Auf meinen Social Media-Kanälen entbrannte – anlässlich des neuen Albums, über das viel in allen Nuancen geurteilt wurde – eine Diskussion, welches denn das beste U2-Album ihrer Frühphase war. Da erst fiel mir auf, dass ich gar nicht mitreden konnte – ich hatte bis dahin schlicht keines der Alben vor „Under the blood red sky“ gehört. Und wie das bei solchen Diskussionen auf Facebook oder Instagram so ist: wirklich erhellend sind diese Diskussionen nicht für jemanden, dem die Materie fremd ist. Denn jeder vertritt natürlich vehement seine ganz speziellen Vorlieben. Aber zum einen gibt es dort Menschen, denen ich mehr traue als anderen – und zum anderen hilft manchmal ja im Zweifel immer noch die goldene Mitte 😎 Ich entschied mich also, einfach mal blind „October“ eine Chance zu geben.

Ich bin mir ziemlich sicher: hätte ich das Album zum Zeitpunkt seines Erscheinens gehört, hätte ich es bestimmt in die hinterste Ecke meines musikalischen Friedhofs gesteckt und nie wieder heraus geholt. Aber mit einer Verspätung von über drei Dekaden und dem Wissen, welche lupenreinen Produktionen die Band später abgeliefert hat, wirkt dieses Album fast schon wie eine Offenbarung – Gott, konnte die Band dreckig klingen 👍 nichts durchgestylt produziertes, sondern roher, kraftvoller und vor allem wohltuend schmutziger Sound, der mich gleich an meine Wahrnehmung von „Under a blood red sky“ erinnerte. Und erneut pochte jene Frage an die Tür meines musikalischen Bewußtseins: „Warum erst jetzt?!?“ Aber ganz ehrlich: generell glaube ich ja daran, dass es für alles einen richtigen Zeitpunkt gibt. In dem Fall kam er halt 37 später, aber für mein Vergnügen genau richtig. „Boy“ und „War“ folgten natürlich umgehend und fanden ihren Platz in meinem LaMös. Auch wenn das – im Nachhinein – beim Erstling nicht unbedingt notwendig gewesen wäre 🙄 Und selbst der EP „Wide awake in America“ konnte ich auf einer Börse nicht widerstehen.

~~~

Kurzer Einwurf: Vielleicht hat es ja jemand gemerkt 😉 Wenn nicht, eigentlich auch nicht schlimm. Denn auch ich habe Jahre gebraucht um zu merken, dass zwischen „Under a blood red sky“ und „The Joshua Tree“ bei mir eine Lücke klaffte. „The Unforgettable Fire“ hatte ich – warum auch immer – „gefühlt“ nach dem „Tree“ verortet. Normalerweise bin ich da in solchen Sachen echt pingelig. In dem Fall erschreckend gleichgültig. Es war mir aber auch schon all die Jahre zuvor egal. Eigentlich sogar immer noch. „Pride“ ist ein definitiv toller Song. Wie ihr seht, ist das Album bei mir eingezogen. Warum, weiß ich auch nicht.

Einwurf Ende.

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Soweit der Stand im Jahre 2017, dem Jahr, in dem auch „Songs of Experience“ erschien, dem bislang letzten U2-Album. Angesteckt von der Euphorie über die Entdeckung des Frühwerks hörte ich vor VÖ in einige Snippets des Neulings rein – und bei aller neu aufbauschenden Liebe: ich konnte mich noch nicht mal für eine Sekunde dafür erwärmen. Dafür keimte eine andere Frage in mir auf: warum zum Teufel hatte ich eigentlich überhaupt noch nicht einmal in eines der Alben aus den 2000er-Jahren reingehört? Ihr seht es langsam: mein Verhältnis zu U2 ist eines, das von etlichen Fragezeichen begleitet, wenn nicht gar gekennzeichnet wird 🤷‍♂️

Kurz darauf fand ich das Reissue von „All that you can leave behind“ als Angebot – ein guter Anlass, mit dem eben benannten Misstand aufzuräumen. Und was soll ich sagen: mir gefiel dieses Album. Obwohl nach mehrmaligem Hören jetzt auch nichts wirklich hängen geblieben ist. Aber man muss bedenken: das Album kam nach „Pop“. Und das haftet nach wie vor als sehr elektronisch und experimentell in meinem Kopf. Vor dem Hintergrund war „Leave“ für mich eher so ein Back to the Roots-Ding. Wobei ich meine Erinnerung an „Pop“ seitdem auch nicht mehr aufgefrischt habe. Vielleicht aus Angst, von meiner eigenen Erinnerung enttäuscht zu sein. Bei Männern in meinem Alter kann so was ja schon mal vorkommen 😋 Ich sollte das baldmöglichst einfach mal nachholen.

In diesem Jahr erschien dann „No Line on the Horizon“ als Reissue. Ich sah es bei meinem kleinen Saturn in Bergisch Gladbach im Regal stehen und mir gefiel das Artwork. Und wie das bei Cover-Käufen manchmal so ist: für dieses Album kann ich mich restlos begeistern und war vom ersten Augenblick verliebt. Mir war einfach jeder Song unbekannt – selbst Magnificent – und doch kam fast jeder gleich vertraut bei mir an. Und manchmal muß man eine Liebe einfach hinnehmen und nicht erklären wollen. Auch so ein Vorzug des Alters 😎

Am Ende des Tages bleibt mir für den Moment also die Erkenntnis: Von den fünf Alben der letzten 20 Jahre bleiben drei Lücken. Und ich bleibe entspannt. Meine Geschichte mit der Musik von U2 zeigt mir, dass ich da einfach nicht vor Überraschungen gefeit bin. Und dass manches einfach Zeit braucht.

Und dass mich diese Band fast mein ganzes Leben begleitet hat, obwohl ich sie ja eigentlich nicht mochte. 😇

11 Kommentare zu „With and without you

Gib deinen ab

  1. Mich hatte Under The Blood Red Sky ebenfalls angefixt und seit dem liebe ich U2, habe alle Alben (einige auch mehrfach) und habe viele Konzerte besucht, die immer ein Erlebnis waren.
    Lediglich das letzte Album hat mich sehr enttäuscht und seitdem findet meine Liebe zur Band eher in Erinnerungen statt.
    No Line On The Horizon hatte bisher auch nicht so richtig gezündet und war etwa der Abschluss meiner U2-Euphorie. Dank Dir gebe ich dem Album nun in der Special Edition eine neue Chance 😊
    Bei der Gelegenheit empfehle ich Dir unbedingt noch How to Dismantle An Atomic Bomb 👌🏻
    Auch der Genuss eines Konzert-Videos aus dieser Zeit ist sehr empfehlenswert.

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      1. Das ist definitiv ein gutes Zeichen 😉
        Achtung Baby fand ich beim ersten Hören so schrecklich schlecht, dass ich fast meine Konzertkarten verkauft hätte. Zum Glück war die Neugierde auf das Konzert groß genug und kurz darauf war es für mich das beste U2-Album und ist heute noch eines meiner Insel-Alben.
        Atomic Bomb hat es zwar nicht ganz so weit bei mir gebracht, aber kommt immer mal wieder gerne auf den Teller, genauso wie All That You Can’t Leave Behind 🙂

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  2. Ojeeee. Fast wäre das auch meine U2 Geschichte. Rockpalast-Pause: 2 Liveschnipsel und ein Geschwärme der Moderatoren über diese neue Hoffnung da – bei sowas wurde ich gleich skeptisch. Versuchte doch zeitgleich der NDR-Hörfunk einem mit plumper Übertreibung und inflationärem Airplay TOTO als Supergroup aufs Ohr zu drücken! Hold the line! Und bleib weg nicht nur some time!

    Die klangen von anfang an nervig und ein Song wie der andere. Bono jault herum, während Clash motivieren, die Ramones den Fun-Factor für sich hatten, oder gar die Pistols Lebensgefühl auf den Punkt/Punk brachten. Dann wurden sie amerikanischer:
    Joshua Tree – hab ich komplett aufgenommen und hinterher gemerkt, dass man davon nur „within without you“ und „where the streets have no name“ braucht, der Rest verfängt gar nicht erst im Erinnerungsvermögen.Also Löschung. Ahnlich „rattle and hum“.

    Die einzige, die bei mir wirklich zieht, ist die „Achtung Baby“ wegen der abgefahrenen Gitarrensounds. Aber selbst die hab ich bis heute nicht. Und wenn man „One“ in der Johnny Cash Version gehört hat, braucht man die Bono-Version auch nicht mehr.

    Ne-ne, bei mir repariert sich da nix.

    Gefällt 3 Personen

    1. 🙂 Jetzt hab ich mich glatt selber geliked. Sag niemal nie, Baby.
      (Das schreit nach Erklärung: Ich wollte bloß rauskriegen, wer da der zweite Liker war. Und weil beim Drüberfahren nichts selber aufging, hab ich eben angeklickt.Verdammt.)

      Gefällt 1 Person

  3. Als R.E.M.-fanatiker hat U2 auch bei mir einen schweren Stand. Auch bin ich generell nicht so ein großer „Freund“ klassischer Rockmusik in der ich U2 persönloch verorten würde… Aber gut, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Trotzdem stehen in meinem CD-Regal 4 Alben von U2. Drei davon, selten gehört und eher von der Sorte „muss man haben“ und dann wäre da noch „How to Dismantle an Atomic Bomb“, die ich durchaus mag.
    Davon ab, ich wünschte ich könnte so schreiben wie du :-). Super Beitrag.

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