Das erste Mal vergisst du nie

Es gibt immer wieder diese Momente, wo König Zufall dir einen Strich durch die Rechnung macht. Manchmal ist das doof, manchmal sehr inspirierend. Und so gibt es einige Momente in meinem Leben, in denen ich musikalisch wahnwitzig inspiriert wurde, ohne das ich was dafür konnte. Und für jemanden, der sich für Musik interessiert, sind diese Momente quasi unbezahlbar.

Mein allererstes erstes Mal war im Alter von vier Jahren. Ja, ich weiß, ich hab die Geschichte schon mal erzählt 😉 Auf dem schrecklichen Plattenspieler meiner Eltern hatte ich immer wieder meine Märchenplatten gehört. Und ich kann mich nur noch an eine erinnern: „Die Lok 1414“. Woran ich mich in allen Einzelheiten erinnern kann, war dieses Monster von Plattenspieler. Er war grau, die Box im Deckel, den Tonarm musstest du nach rechts schwenken, um die Scheibe zum Drehen zu bewegen. Als die K-Tel-Platten mit den 10 Hits pro Seite auftauchten, musste man einen „Eiermann“ auf den Tonarm kleben, damit die Nadel nicht sprang. Er klang grauselig.

Jedenfalls hatte ich irgendwann die Schnauze voll von der „Lok 1414“ und schaute mir die Platten an, die meine Eltern sonst noch da stehen hatten. Eine fiel mir sofort ins Auge, da sie nichts mit Peter Alexander oder Freddy Quinn zu tun hatte. Es war „Beatles For Sale“. Jetzt weiß ich, dass das eines der miserabelsten Alben der Fab Four war – aber damals hat das Teil mich einfach gethrillt. Ich wußte von dem Moment an, dass es da draußen in der Welt noch was anderes gibt, als die Welt der „Lok 1414“. Ich wußte nicht was, aber immerhin…

original Vinyl Cover Rückseite

Ich habe die Beatles nie bewußt mitbekommen. Jahrgang 61, da hast du das Beste der Dekade einfach verpaßt. Aber ich weiß noch, wie sehr meine Mutter weinte, als sich die Beatles getrennt hatten. Ich hab das nicht verstanden zu dem Zeitpunkt. Später schon. Aber ungefähr zu der Zeit fand ich die Teenager cool, die mit Platten unter dem Arm durch die Straßen gingen. So wollte ich auch sein! Also ging ich mit Singles in der Hand durch die Straßen – nur, dass die alles andere als cool waren. Peter Alexander, Freddy Quinn, Gitte, Herb Albert, Hans Albers… das war schon 1969 nicht cool 🙂

Meine Oma hatte damals die meisten Scheiben von dem Schlag. Hauptsächlich Singles. Die standen alle in einem Schrank, in dem eine Grundig Kompaktanlage mit Radio und Plattenspieler, samt Boxen und Plattenregal integriert war. Und Gott, ich würde meine linke Hand dafür geben, wenn ich den Plattenschtrank heute noch hätte…

Es mag niemanden vor dem Hintergrund wundern: ich war immer mehr Beatles als Stones! Die mochte ich eigentlich nie und hab mich von daher auch nur halbherzig mit ihnen beschäftigt. Sie haben ihren Platz im Rock-Olymp sicher verdient – allerdings nicht in meinem. Die Beatles waren für mich dagegen immer unantastbar. Ich hab so ziemlich jeden Fitzel, den sie jemals eingespielt haben, zu Hause stehen. Wobei ich sagen muß: mit Veröffentlichung der „Anthology“ war dann auch gut. Noch mehr Archiv-Material verkraftet ja kein Mensch 😉 John war damals mein Lieblings-Beatle, mittlerweile ist es Paul. Er war der Rocker. Und er ist einfach ein begnadeter Songwriter ♥

Das zweite „erste Mal“ war 1977. Ich war längst musikalisch infiziert. Meine Jugend verbrachte ich mit The Sweet, den Rubbettes, Slade, ABBA oder Sailor. Und ich verspreche, ich sage es jetzt zum letzten Mal: ich war immer mehr Pop als Message 😉 Vor allem habe ich die „Disquotheke im WDR“ mit Mal Sondock geliebt. Ich hing damals wie gebannt vor dem Kofferradio, mit dem ich die Songs auf meinen Poppy Cassetten-Rekorder via Mikrofon aufgenommen hatte und jedesmal verzweifelte, wenn jemand auf die Ramp oder den Fade redete…

musste auf Vinyl noch mal sein 😉

Whatever. Es war 1977. Ich war 16. Und jemand von unserer Schülerzeitung fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, Plattenkritiken zu schreiben. Was für eine Frage 🙂 Gerade war von Pink Floyd das Album „Animals“ erschienen. Ich hatte keine Ahnung von Pink Floyd, ich hatte nur mitbekommen, dass sie angesagt waren, also holte ich mir das Album und schrieb dazu eine Plattenkritik. Die Schülerzeitung hieß „Senftöpfchen“, alle fanden meinen Artikel toll – aber was viel wichtiger war: das Album hatte mir die Schuhe ausgezogen. Zum zweiten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass es da draußen noch was anders gibt.

Ich fing da an, mich mit Floyd zu beschäftigen. Von „Animals“ an rückwärts. Wenn „Animals“ dein Einstieg in den Floyd-Kosmos ist, ist „Wish you were here“ eine Offenbarung. Und bei „Dark Side of the Moon“ glaubst du, du hast dein Leben bislang vertan. Bei „Ummagumma“ wurde es schräg, alles, was weiter vorne lag hat mich nie erreicht. Meine nächste Plattenkritik für das „Senftöpfchen“ war Floyds WYWH. Das musst du auch erst mal bringen 🙂

Ja, ich weiss. „Yessongs“ kam vor „Animals“ raus. Aber das Leben funktioniert nun mal nicht nach VÖ-Datum.

Ich war infiziert. Musik war wichtig geworden. Ich wollte immer das neueste, heißeste haben. Manchmal gibt es nur nichts neues, heißes. Ich fuhr zu meinem Lieblingsplattenladen damals. Ich brauchte was Neues. Es gab nur nichts. Also fing ich bei „A“ an und wühlte mich alphabetisch durch die Regale dort. Nichts. Aber auch so rein gar nichts. Bei „J“ fing ich an, an mir zu zweifeln, nach „S“ verstand ich die Welt nicht mehr. Bis „Y“. Ich stieß auf ein Album, dessen Cover mich sofort ansprang. Ich konnte nichts, aber auch so rein gar nichts von dem entziffen, was da vorne drauf geschrieben stand. Das Ding sah allerdings geil aus. Gut, ich hätte auf die Falz schauen können – aber auf die Idee bin ich gar nicht gekommen 🙂 Das Album war eingeschweißt. Und schwer. Also mindestens ein Doppel-Album.

das Original von damals ♥

Der langhaarige Freak, dem der Plattenladen gehörte, wollte mich mich nicht die eingeschweißte Folie öffnen lassen und konnte – oder wollte – mir auch nichts zu dem Album sagen. Das Ding sollte 25 DM kosten – verdammt viel Holz für einen 18-jährigen mit 20 DM Taschengeld im Monat. Um es kurz zu machen: ich habe das Album gekauft. Ich fuhr nach Hause, riss die Folie ab und war erst mal happy, dass es sogar drei Platten waren. Ich legte es auf, hörte als erstes die „Firebird Suite“ und war masslos enttäuscht. Dann kam „Siberian Katheru“. Seitdem bin ich bedingsloser Yes-Fan. Und egal, was sie heraus gebracht haben: ich habe es! Die Stimme von Jon Anderson trifft jedes mal mein Herz. Und immer, wenn ich „Tales of Topographic Oceans“ höre, habe ich Tränen in den Augen. Auch heute noch. Alles mit Jon war Yes. Alles ohne ihn nicht. Punkt. Und „Yessongs“ war mein definitiver Einstieg in den Prog.

Beatles, Floyd, Yes – der Grundstein für meine musikalische Dreifaltigkeit war gelegt. Von da an gab es einige Wege, die ich gegangen bin, und einige Alben, die mich mehr als andere begeistert haben. Ich lernte einiges an Jazz kennen, na ja, eher Fusion. Und auch die ein oder andere Klassik-Scheibe hat sich zu mir verirrt. Aber solche Eruptionen, wie die besagten drei LPs hat dann kein Stück Musik mehr bei mir ausgelöst. Bis zum Jahr 2002.

kein Re-Release 😉

Mittlerweile hatte ich mein Hobby zum Beruf machen können. Klingt toll, war es auch eine ganze Zeit. Aber irgendwann stellte ich fest, dass mir der Spaß am Musik hören abhanden gekommen war. Es war nicht mehr Vergnügen, sondern Job. Musik hören entspannte mich nicht mehr. Was folgte war eine Radikal-Zäsur. Ich hatte damals etwa 2.500 CDs bei mir stehen. Da war allerdings etliches bei, das ich nie gehört hatte. Oder hören wollte. Ich nahm mir jede einzelne CD vor, und die, die nicht vor meinem inneren Geschmackstribunal stand halten konnten, flogen raus. Was blieb, waren etwa 700 CDs – genug, um ein halbes Leben dauerbeschallen zu können. Und es waren alle MEINE Alben, die, die ich mochte und hörte. Und gekauft hatte.

Nichtsdestotrotz hatte ich durch die Arbeit auch einiges kennen gelernt, das sonst wohl nicht meinen Weg gekreuzt hätte. Aber von all den Alben hat mich nur eines wirklich geflasht. Wie gesagt: es war 2002 und mir flatterte das neue Album einer Band auf den Tisch, von der ich zuvor nie was gehört hatte: „In Absentia“ von Porcupine Tree. Gut, da waren Metal-Gitarren hier und da zu hören, aber zum Glück genau in dem für mich sozial verträglichen Umfang. Und das Gesamtpaket war einfach gigantisch!

Wie bei Pink Floyd fing ich an, meine musikalischen Lücken aufarbeiten zu wollen – dummerweise gab es die Alben nirgends mehr zu kaufen. Außer zu astronomischen Preisen bei Ebay. Also fing ich an, meine Zeit auf CD-Börsen zu verbringen, vor allem in Holland. Die Händler dort hat das beste Angebot in Sachen Porcupine Tree und in nicht mal einem Jahr waren alle Lücken gefüllt. Das war ein Stück Arbeit, aber sie hatte sich gelohnt. Und als dann das Gesamtwerk bei mir endlich komplett zu Hause stand, kam die Plattenfirma auf die Idee, die alten Scheiben noch mal neu aufzulegen…

Natürlich gibt es in meinem LaMös noch einige andere Bands und Platten, die mich nachhaltig begeistert haben. Meine ewigen Top Ten kennt ihr ja 😉 Aber diese vier Alben sind dann noch mal was Besonderes für mich. Und wenn mir jemand die Insel-Frage stellt, würde ich dann lieber die Abbey Road mitnehmen. Man lernt ja nie aus 🙂

***

Was mir noch am Herzen liegt: Manchmal braucht ein Artikel Zeit, weil da was in mir ist und raus will, ich weiß nur nicht wie. Das kann dauern 😉 Manchmal fang ich einfach an und die Geschichte entwickelt sich dann erst wirklich beim Schreiben. Diesmal floss es einfach in einem Rutsch, ausgelöst durch einen Post auf Instagram. Und auch, wenn der ein oder andere Aspekt in diesem Blog schon mal auftauchte – es musste einfach raus. Für mich als schreibender Mensch eine neue Erfahrung. Danke dafür, Cristin Reys ♥ Grazie per l’ispirazione

2 Kommentare zu „Das erste Mal vergisst du nie

Gib deinen ab

  1. Auch wenn ich zwanzig Jahre später auf die Welt gekommen bin, kann ich es doch in Ansätzen sehr gut nachvollziehen, wie es Dir damals gegangen ist.
    Was mir ins Auge gesprungen ist: Die „Crash“ von Dave Matthews Band hast Du auf Vinyl? Da schau her… war doch „So Much To Say“ mein Einstieg zu den Herren. Ist auch 18 Jahre her 😉

    Was ich noch länger loswerden wollte:
    Als ich auf Dein Blog gestoßen bin, habe ich irgendwo Deinen bürgerlichen Namen gelesen und ich dachte mir ein „Der Name sagt mir doch was…“. Ich kramte in meinem Hirn nach Erinnerungen und sah vor mir einen Herrn im Fernsehen, kam aber nicht drauf, wo.
    Den Rest hat die Suchmaschine erledigt.
    VIVA Zwei.
    Habe ich sehr gern gesehen, obwohl ich nicht zum Zielpublikum gehörte. Aber es war ein fantastischer Sender! (Mir sind auf VIVA Stefan Raab & Konsorten auf die Nerven gegangen… das einzig Gute dort war das sonntag-nachmittägliche „JAM“.)

    Ganz liebe Grüße aus der Walzerstadt,

    S.

    Gefällt 1 Person

    1. OMG, dass du dich daran erinnerst… 😍 das fing ja schon 93 bei Viva an… 😇 Was mich gerade völlig flasht, ist, daß dir die DMB aufgefallen ist 😍 das ist ne ganz lange geschichte bei mir 🤣 am Ende:ich liebe diese Band! Was ich eigentlich sagen will: You made my day! Danke! 🤗

      Gefällt 1 Person

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