Der Sex des alten Mannes

Musik gehört hab ich eigentlich schon immer. Schon als kleines Kind. Gut, das waren anfangs Märchenplatten, änderte sich aber verhältnismäßig schnell. Und ohne groß psychologisieren zu wollen: wahrscheinlich hängt das damit zusammen, daß meine Eltern mich wunderbar damit ruhig stellen konnten, eine Märchenplatte aufzulegen und mich vor den Dreher zu setzen 😊 Später erfüllte der Fernseher für die Erzeuger denselben Zweck, heutzutage nutzen Eltern das Tablet – wahrscheinlich hab ich großes Glück gehabt…

Wie gesagt: Musik hab ich eigentlich schon immer gehört. Und ich meine wirklich: Musik hören! Nicht so nebenbei, sondern komplett konzentriert und fokussiert auf das, was da aus den Boxen kommt. Ich finde das vollkommen angenehm, einfach da zu sitzen, mit Kaffee und Zigarretten und nichts, aber auch rein gar nichts anderes zu tun, als der Musik zu lauschen, die ich mir da gerade herausgesucht habe. Menschen, die mit mir ein Dach geteilt haben, konnte ich damit zur Verzweiflung treiben – für mich bedeuteten solche Momente immer Genuss.

Natürlich zelebriere ich das nicht jedes Mal, wenn sich bei mir eine Scheibe dreht. Gesetzt ist das allerdings immer beim ersten Mal! Kommt mir neue Musik ins Haus, höre ich sie zuerst in aller Ruhe. Ich will wissen, was sich da verbirgt, will den Klang erforschen und mir in Ruhe die Credits zu Gemüte führen. Ich wußte wahrscheinlich schon mehr über die im Hintergrund beteiligten Menschen einer Produktion, bevor ich anfing, darüber in den einschlägigen Magazinen zu lesen. Ein neues Album aufzulegen und nebenbei Staub zu wischen – der Vorgang ist hier undenkbar.

Eine Zeit lang habe ich in einem Haus gelebt, und da ich keine Kinder habe gab es reichlich Zimmer, die einer Bestimmung zugeführt werden wollten. In dieser Zeit hatte ich mein eigenes Musikzimmer – der Himmel auf Erden! Anlage, CD-Schrank, ein bequemer Sessel – und das Equipment auf den Raum eingerichtet. Ich habe es genossen ❤️ Zum Glück war ich da noch nicht wieder dem Vinyl-Wahn verfallen – für zusätliche Vinyl-Regale wäre da echt kein Platz mehr gewesen. Man braucht ja schließlich auch einen gewissen Abstand zu den Boxen, damit die sich klanglich entfalten können.

Als ich meine derzeitige Wohnung damals besichtigte und das sogenannte Wohnzimmer, den größten Raum sah, wußte ich sofort, wie ich die Anlage aufstellen musste. Mir war klar, dass das alles perfekt zusammen passen würde. Also klanglich, nicht optisch. Eine harmonierende Optik war mir zum Musik hören immer schon egal – hier isst nur das Ohr mit. Und da mir niemand in die Einrichtung reinreden konnte, konnte ich Wandregale, Bilder usw. nach schallschluckenden Aspekten und als Diffusoren anbringen. Gepaart mit ein paar praktischen Aspekten. Ich lebe jetzt seit 17 Jahren in dieser Wohnung – und freiwillig bekommt mich da auch keiner raus. Außer bei 6 Richtigen im Lotto 😂 Dann baue ich ein Haus rund um das perfekt erstellte Musikzimmer.

Musik zu hören bedeutet für mich immer Entspannung. Ich kann da wunderbar bei Abschalten. Immer schon. Wenn das Leben stresst, konnte Musik mir immer den Kopf frei blasen und ihn befreien. Wenn ich entpannt Musik höre, kann ich meinen Kopf von allen Gedanken befreien – bis auf die, die sich um eben die Musik drehen. Ich kann mich gedanklich einfach treiben lassen, besser als bei jedem Strandurlaub. Und wenn ich es nach einem stressigen Tag nötig habe, lege ich ein, zwei Alben auf um wieder in die Spur zu kommen – kein Koffer packen, keine Anreise 😎

Die silberne Schatztruhe

Natürlich habe ich derart auch Musik gehört, als ich noch komplett auf CD gesetzt hatte. Mir war der Klang einer CD 30 Jahre lang lieber und angenehmer, als der von Vinyl. Und praktischer waren die Dinger auch. Das hat sich mittlerweile geändert. Zum einen klanglich – wobei ich dazu sagen muß, dass ich unter dem Aspekt auch mehr klangorientiert in den Dreher investiert habe, als ich das für meinen CD-Player je getan hatte. Und der ist schon nicht 08/15 😉 Wenn ich die klangliche Aufrüstung mit dem Ortofon 2M Black und meinen geliebten Brüllwürfeln entsprechend meinem CD-Player gönnen würde, wäre da wieder vieles im Lot. Doch mit dem Wiedereinzug von Schallplatten in mein Leben, kam dem Musik hören ein nicht unwesentlicher Aspekt hinzu, den ich mittlerweile sehr genieße: Entschleunigung!

Ich nehme stark an, dass das auch was mit dem Alter zu tun hat, denn seien wir mal ehrlich: Vinyl hat schon seine Macken. Die ständige Gefahr, daß da was dran kommt, was automatisch Geknister und Knackser zur Folge hat. Dieses alle 20 Minuten Aufstehen, um die Scheibe zu drehen. Nadel säubern, Platte säubern. Plattengewicht abdrehen und wieder draufdrehen. Tonarm senken und hoffen, vor dem ersten Ton auf dem Hörplatz zu sitzen. Platte aus der Schutzhülle holen, Innenhülle aus dem Cover, Platte aus der Innenhülle. Ist das Mittelloch zu eng. Das Cover für die gefütterte Innenhülle zu knapp bemessen, nach jedem Staubwischen das Gewicht vom Tonarm nach kalibrieren… Gott, hab ich das gehasst. Und Gott, waren CDs da praktisch 😍

Und dabei haben wir noch gar nicht über die Reinigung gesprochen! Das ist ja nicht nur, dass man vor dem Abspielen mit der Bürste über die Scheibe geht. Oder mit dem Bürstchen über die Nadel. Alle vier, fünf Scheiben wird die Nadel auch noch flüssig gereinigt. Und mindestens einmal in der Woche gefluxt. Meist öfter. Und dann das Plattenwaschen – obwohl ich dabei noch zurückhaltend bin. Neue Scheiben müssen nicht prinzipiell gewaschen werden, bevor sie das erste Mal auf den Teller kommen. Stelle ich fest, dass die nicht ganz lupenrein sind, kommt erst mal Vinyl Clear zum Einsatz. Bei 2nd-Hand-Platten dann auch direkt – besser ist besser 😇

Standard-Reinigungs-Set mit Yoko-Bär 🙂

Hilft das nicht, geht es zum Waschen. Ich hab einige Services rund um Köln ausprobiert – „Die Nadel“ in Dormagen ist da meine erste Anlaufstelle. Die reinigen mit dem Vinyl Cleaner Pro von Gläss – eine richtige Wundermaschine ❤️ Dummerweise schweineteuer und klobig. Ich würde das Teil nirgends zu Hause stehen haben wollen. Außerdem hat „Die Nadel“ den Vorteil, eine ausgesprochen umfangreiches Angebot an audiophilen Schallplatten zu haben – aus allen Genres! Da ich i.d.R. etwa 5 Scheiben im Monat zum Waschen habe, kann man die Zeit des Wartens mit ausgedehntem High-End-Diggen verbringen.

Heute liebe ich diese ganzen Unwegsamkeiten. Dieses ganze Procedere, diese Mühe, die man sich gibt, um ein bestimmtes Stück Musik zu hören, zwingt mich förmlich dazu, diesen Einsatz auch durch ein bewussteres Hören zu goutieren. Außerdem gibt es mir das Gefühl, der Kunstform Musik nicht nur mit dem gebotenen Respekt zu begegnen, sondern gleichzeitig auch dem „Werk“, dem Musiker ein Stück seiner künstlerischen Würde zurückzugeben. Ja, ich weiß auch: das mit dem hören geht heute noch einfacher als „damals“ mit der CD – aber einfach ist nicht immer richtig und Geiz nicht immer geil. Die Musiker haben sich Mühe gegeben – also gebe ich mir auch Mühe. Denn schlußendlich bin ich ja der Nutznießer dieses Stückes Musik, das da an meine Ohren dringt und mir jenen Effekt der Entspannung und Freude gibt.

Ich mag Streaming einfach nicht. Obwohl ich es nutze! Es ist ist natürlich toll, wenn man vor dem Kauf eines Albums mal eben vor VÖ hier und da reinhören kann, um sich ein Bild davon zu machen, was da auf einen zukommt. Aber hören? Never! Ich will die Musik, die mir gefällt auch „haben“, will sie hervorholen können, betrachten, haptisch erleben. Es gibt Schallplatten-Cover, die sich in der Hand wirklich toll anfühlen! Und ich will immer noch die Credits lesen. Und überhaupt: ich will, dass der Musiker sein Geld bekommt, damit er weiterhin die Möglichkeit hat, mir mit seinem Talent schöne Momente zu schenken. Und unterwegs auf dem Smarti streamen – mal ehrlich: es klingt einfach Scheiße. Dagegen sind selbst MP3s ein Genuß 🤩

Der digitale Player – alt, aber immer noch eine Macht!

Aprospos: Klanglich tuen sich für mich zwischen CD und Vinyl keine großen Unterschiede auf. Es gibt CDs, die besser klingen als das Pendant auf Vinyl. Und umgekehrt. Wenn ein Album extra für Vinyl gemastert wurde, hat die CD eigentlich kaum eine Chance. Aber bei beiden Medien kommt es darauf an, wie sie verarbeitet wurden. Eine schlechte Aufnahme bekommst du auch mit HalfSpeed-Mastering, 200 g Vinyl und 45 rpm nicht zum Klingen. Ich habe von „Yessongs“, eine der miserabelst aufgenommenen Live-Scheiben, eine japanische SHM-CD – glaub mir, dagegen schmeißt du deine Vinyl-Version klanglich in die Tonne.

Irgendwo habe ich vor geraumer Zeit folgenden Satz gelesen: „Vinyl hören ist der Sex des alten Mannes“. Wenn dem so ist, kann ich mich glücklich schätzen. Denn dann kann ich immer 🤗

2 Kommentare zu „Der Sex des alten Mannes

Gib deinen ab

  1. Gaaaanz schwieriges Thema. Als ich zum ersten mal mit Musik in Berührung kam, da war das Vinyl gerade am Ende, mein Vater durchstöberte die Wühltischen ich kaufte mir irgendeinen Maxi-CD (von Haddaway, Dr. Alban oder so). Nie im Leben hätte ich dran gedacht mir jemals sowas anzuschaffen. 25 Jahre später…. ja. Heute ist die CD das Auslaufmodell und ich hab nie eine weggeschmissen und bin stolz drauf. Das Ende der physischen Tonträger ist trotzdem nahe, nur noch etwas für Liebhaber ob CD oder Vinyl. Was die Tonqualität betrifft, keine Ahnung. Ich habe schon die Leute die eine hochqualitative MP3 Datei für schlecht hielten ausgelacht. Ich höre da keinen Unterschied. Ich find Vinyl einfach schöner, die großen Cover, das Gefühl etwas aufzulegen… Ich hab was in der Hand das mir gehört.

    Gefällt 1 Person

  2. Hach liest sich das wieder interessant. Zum Vinyl bin ich bisher (noch) nicht zurückgekehrt. Obwohl allein schon die Größe der Platten und die Coverkunst ein starkes Argument wären.
    Und all die alten Besorgungsgeschichten aus der Mauerzeit, in der jede Westplatte 120 Ost kostete! Was hat man da Nina Hagen Plattenbesitzer beneidet! Wie mögen die in den Osten geraten sein, ohne vom Zoll konfisziert oder zerkratzt worden zu sein! …
    In späterer Zeit hat sich die Nina-Macke zwar etwas gelegt, aber die Erinnerung an dieses Gefühl, die raren Sachen herangekriegt und dann immerhin auf Band haben zu können! Jede aufgenommene LP ein kleiner Sieg!
    https://tokaihtotales.wordpress.com/2017/01/11/on-the-prog-path-11/
    Die Kleinheit der CDs hat mir nie gefallen – und doch bin ich da bis heute hängen geblieben.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: