Der heilige Paul mit den gebrochenen Knochen

St. Paul & The Broken Bones – wer sich so nennt, muss schon dezent einen an der Klatsche haben. Solche Bands sind mir auf Anhieb sympathisch. Und ohne hier jetzt mit großem musikalischen „Fachwissen“ klugscheißen zu wollen – was auch gar nicht ginge, da ich rein gar nichts von ihnen wußte, als ich die Platte entdeckte: dass die acht Musiker aus Alabama kommen, verwundert rein gar nicht 🤗

Aber von vorne.

Wie immer, wenn ich die Familie am Niederrhein besuche, versuche ich einen Abstecher nach Venlo ins „Sounds“ zu machen. Und obwohl ich schon zwei Scheiben in der Hand hatte, war ich noch nicht wirklich happy. Die eine war Steve Millers „Circle of Love“, eigentlich eher aus Verlegenheit. Ich liebe zwar „Macho City“, aber die CD steht ja zu Hause. Und John Hiatts „Warming Up To The Ice Age“, die allerdings so dermaßen günstig war, dass es schon wieder verdächtig anmutete. Aber beide waren eigentlich nicht das, was ich suchte. Und beide verschwanden wieder, denn ich erblickte „Young Sick Camellia“. Außerdem hatte ich mir ja vorgenommen, meinem Suchtverhalten so weit es geht vorzubeugen 😜

ne Papiertüte…

Das Cover alleine hatte schon gute Chancen, zum reinen Coverkauf zu werden – aber so ganz hatte ich mich dann doch nicht getraut. Also flugs Amazon aufgerufen, um kurz in ein paar Snippets reinzuhören – sicher ist sicher. Quasi im Vobeigehen las ich was von Retro-Soul, funky Gitarren und wußte, dass ich eigentlich schon zu Hause war. Aber reinhören war dennoch erste Bürgerpflicht. Was bei den Amazon-Snippets normal ist: du hast nur 30 Sekunden Zeit, vorzuhören. Das reicht für einen ersten Eindruck und läßt dir dann auch noch den Raum für die komplette Freude einer Entdeckungsreise. Ich mag das.

Das erste, was ich zu hören bekam, war floydieskes Moog-Gewaber, Gesprächsfetzen, so wie Herr Parsons das gerne macht. Ich war wegen Retro-Soul und funky Gitarren ein wenig verwirrt, aber meine Neugierde wurde nur noch mehr entfacht. Und Soul und Funk kamen kurz darauf auch nicht zu kurz, so viel war nach einigen 30-Sekunden-Ausflügen klar. Aber es wurde noch besser…

die kranke Kamelie…

Zu Hause angekommen konnte ich es natürlich nicht erwarten, die Scheibe aufzulegen. Aber es ist halt gute Tradition bei mir, dem eigentlichen Hörgenuß 40 Minuten, also ungefähr eine LP lang, Warmlaufzeit zu geben. Die alte CD-Hör-Gewohnheit kriege ich nicht abgelegt. Ich weiß auch, daß das ein Plattenspieler – eigentlich – nicht braucht. Aber die Verstärker-Elektronik mag das schon. Sowohl mein Arcam als auch die Keces sind kalt schon toll – aber gib ihnen ein wenig Zeit, und sie fühlen sich richtig wohl. Nichtsdestotrotz – die Scheibe ist kein Dynamik-Wunder. Ich mußte die Lautstärke ein wenig nach oben nachregeln, was ja auch nicht unbedingt ein Nachteil sein muss! Und der Satz „Mastered by Sterling Sound“ in den Credits läßt mich nie im Stich ♥

Das, was mir so floydiesk erschien, sind vier, nennen wir es mal Interludes: „Cumulus pt 1“, „Mature pt 2“, „Dissiapating pt 3“ und „CaveFlora pt 1“. Und wer jetzt glaubt, dass es da noch jeweils andere „Pts.“ gibt, kann sich gleich wieder hinlegen. Nichtsdestotrotz schafft es die Band, hier und da den ein oder anderen „proggy Schleier“ über die Songs zu legen. Da geht es mal durchweg funky oder soulig zu, aber dann leuchten immer wieder kleine Überraschungen auf. Funk gepaart mit kleinen, aufgeregten Synthti-Sprengseln, Bläser mal elektronisch unterstützt, mal vorne, mal hinten, da und dort mal ein stampfender Upbeat, Charakter, Tempo oder Anmutung eines Songs variieren mal – irgendeinen Twist gibt es immer. Und sei es die Stimme von Paul Janeway, von der man nie weiß, ob sie gerade verfemdet wurde oder nicht.

Und am Ende stellt man fest, das das weder Retro noch Neo und schon gar nicht Prog ist – das ist einfach insgesamt erfrischend anders! Versteht mich nicht falsch – das Ding groovt und funkt in jedem Moment. Hört man das Album nebenbei, kommt man aus dem Fingerschnippen oder Mitwippen gar nicht mehr raus. Und bei den souligeren Nummern schnalzt die Zunge zwangsweise. Aber seine wahre Schönheit entfaltet die Musik vor allem dann, wenn man es sich vor dem Player gemütlich macht… ♥

HiFi und Stereo – total angesagt 😉

Wenn ich ja einmal begeistert bin, kann das erfahrungsgemäß leicht ausarten. Siehe Coldplay, siehe Muse. Aber zum einen war da die Sache mit der Sucht, und zum anderen gibt es ja nur drei Alben von der Band. Ich war also halbwegs auf der sicheren Seite und hörte via Amazon-App in das Debut-Album rein. Aber „Half the City“ war lupenreiner Retro-Soul. Handwerklich sauber, keine Frage. Tolle Songs, aber es fehlte einfach der Zauber von „Camellia“. Es steht zumindest auf meiner Wunschliste, immerhin. Genauso wie „Sea of Noise“, das schon eher in die Richtung des neuen Albums geht. Ich bin erst mal zufrieden mit dem, was ich hab. 🤩

Das Album hat es spielend leicht in meine diesjährigen TopTen geschafft. Und ich weiß auch, dass die Scheibe bereits im letzten September erschienen ist. Aber es ist einfach zu gut, um nicht entsprechend gewürdigt zu werden, zumal ich bei jedem Hören wieder etwas Neues entdecke. Und vielleicht sollte ich meine Regularien da eh mal ändern – wie sagte Churchill so schön: Traditionen sind wie Laternenpfähle – sie leuchten einem den Weg, aber nur Betrunkene halten daran fest. In diesem Sinne 😍

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: