Half Speed – Double Sound?

Eigentlich könnte man die Frage gleich mit einem „meistens schon“ beantworten. Wer sich damit begnügen kann, braucht eigentlich gar nicht mehr weiter zu lesen… 😉

Ich war schon recht früh ein Fan der Scheiben von MFSL. Supertramp´s „Crime oft he Century“ oder Pink Floyd´s “Dark Side of the Moon” waren Ende der 70er bei Erscheinen für mich ein Muss. Auch wenn ich da tief in die Tasche greifen musste. Und wenn ich die damals behalten hätte…

Aber egal. Platten im HalfSpeed Mastering klangen meist schon geiler als die „normalen“ Pressungen. Und mit dem wieder aufkommenden Vinyl-Boom wird halt auch vieles wieder aufgelegt – und immer öfter mit dem „HalfSpeed“-Siegel. In den letzten Jahren hab ich allerdings für mich eine Faust-Regel entdeckt: HalfSpeed lohnt sich nur, wenn anschließend auch auf 45rpm gepresst wird. So weit, so falsch.

Beispiel: die wunderbare Vinyl-Box von The Police. HalfSpeed gemastert, 33rpm – und die klingt einfach Hammer! Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Nichtsdesotrotz geistert das Thema seit einiger Zeit in meinem Kopf und dabei erinnerte ich mich an ein einen Freund aus meinen Jugendtagen. Dessen Vater war HighEnder, hatte eine Tonband-Maschine und nahm alles immer mit der höchsten Bandgeschwindigkeit auf. Seine Begründung war für mich so einfach wie einleuchtend: „Doppelte Geschwindigkeit heißt doppelt so viel Platz für die zu speichernden Informationen, also klingt´s besser.“

Tonband und Vinyl sind beides analog – also warum wird beim einen die Geschwindigkeit erhöht, und beim anderen die Geschwindigkeit halbiert, um ein besseres Klangerlebnis zu erzeugen? Ich bin nicht als Ingenieur auf die Welt gekommen, ich ahnte, dass da irgendwo ein Denkfehler drin steckte, ich begann, mich da mal schlau zu machen.

Bein Tonbändern gibt es die Geschwindigkeiten von 4,75 cm/s bis zu maximal 76,2 cm/s im Studioeinsatz. Das hat zum einen praktische Gründe: schneller aufgenommene Bänder lassen sich einfacher schneiden, da der Ton einfach mehr Platz auf dem Band hat – siehe oben 😉 Abgesehen von einer besseren Tonqualität und Aussteuerbarkeit einer Aufnahme.

Hier gilt also die Devise: Je schneller desto besser. Anders als beim Half Speed Mastering, denn hier wird nicht nur die Schneidmaschine auf halber Geschwindigkeit laufen gelassen, sondern auch die Originalaufnahme. Damit ist mein obiger Denkfehler eigentlich schon erklärt.

Dem Stichel wird beim Anfertigen der „Vater“-Matrix mehr Zeit gegeben, dieselbe Information abzubilden. Das führt zu einer besseren Tiefton-Abbildung und mehr Raum im Hochtonbereich. Beim normalen Schnitt können Frequenzen bis ungefähr 15kHz abgebildet werden, bei HalfSpeed sind bis zu 30kHz möglich. Und auch, wenn unsere Ohren nur bis maximal 20kHz hören können, hinterlässt ein höherer Frequenzgang immer auch Spuren in der räumlichen Gesamtwahrnehmung. Ich sag nur: Alan Parsons, „I Robot“ von MFSL aus dem Jahr 2016.

Die Scheibe kenn ich so was von in- und auswendig, daß ich bei „neuen“ Ausgaben schon nicht mal mehr im direkten Vergleich hören muss. Jedes Pling, jeder Ton, jeder Effekt sind quasi in meinem Gehör abgespeichert. Was diese MFSL-Version allerdings in Sachen Klang noch rauszaubert, ist für mich das Maß aller Dinge. Man kann bei dem gesamten Instrumentarium ja locker davon ausgehen, dass nicht jedes Instrument im selben Raum aufgenommen wurde. Und so gibt es Passagen, wo man eindeutig drei verschiedene Räumlichkeiten zeitgleich heraushören kann. Ich habe unter audiophilen Aspekten bislang keinen besseren Tonträger gehört.

Über Peter Gabriels Oevre als HalfSpeed Master in 45rpm habe ich mich ja schon zur Genüge ausgelassen – da gibt es viel Licht, aber auch Schatten. Und da wir gerade bei PG sind: ausschlaggebend für diesen Artikel war die Ankündigung, dass Genesis „Seconds Out“ als HalfSpeed Remaster erscheinen wird. Ich versuche zwar immer, mir die Alben, die ich auf CD habe, nicht wieder auf Vinyl zu kaufen – zumal ich in diesem Fall eine japanische SHM-CD von dem Album habe, die da klanglich bislang das Nonplusultra darstellt. Aber bei manchen Alben geht es halt nicht anders… 😉

Nun finde ich es immer schwierig, gerade Live-Alben klanglich aufzupolieren. Der Sound ist halt generell nicht mit Studiobedingungen zu vergleichen. Eine der miesesten Live-Aufnahme ist für mich „Yessongs“, doch selbst die kann deutlich besser klingen – für Hardcore-Fans empfehle ich auch da die japanische SHM-CD – da wird dem klanglichen Schrott wenigstens ein wenig, aber deutlich Glanz verliehen.

Zurück zu „Seconds Out“. Beim ersten Hören war schon klar – die HalfSpeed-Version kann was. Das wurde meist in den kleineren, perkussiven Passagen deutlich. Ein bißchen mehr Wumms im Vergleich zur normalen Vinyl-Ausgabe war auch gegeben – aber ich hatte immer nocvh meine CD-Version im Ohr. Also mußte mal ein direkter Vergleich her. Was ein wenig umständlich ist, da meine Brüllwürfel klanglich schon sehr mein Vinyl-Set-Up nach oben getrieben haben. Das macht es zwar umständlich, da ich beim Wechsel auf das andere Medium immer den Lautstärkeregler anpassen muss, aber man ist ja schließlich für solche Späße auch bekloppt genug 🙂

Um es kurz zu machen: das Vinyl kann was! Da ist ein Hauch mehr Luftigkeit und Brillianz. Stehen die Drums frei, kommen die einen Ticken trockener rüber. Aber nur zur Erinnerung: ich vergleiche mit einer eh schon großartigen CD-Pressung! Wer – egal auf welchem Medium – bislang nur die „normalen“ Ausgaben kennt, wird vor Vergnügen in die Knie gehen, wenn er sich die HalfSpeed-Version gibt! Wobei: ohne Knistern zu hören war auch mal wieder ganz schön ♥

Doch zurück zum Anfang und der Frage: bringt eine HalfSpeed gemasterte Vinyl-Scheibe es letztlich nur dann, wenn sie auf 45rpm abgespielt wird. Eine Freund von mir brachte auf meiner Facebook-Seite noch einen ganz anderen Aspekt ein: „So kann eine 45rpm-Pressung von einer 5000 mal durchgenudelten Matrix deutlich schlechter klingen, als die 200. Pressung einer 33rpm-Scheibe.“ Das kommt dann natürlich noch dazu – und ich muss gerade noch mal ein wenig abschweifen:

MFSL geht seit geraumer Zeit in Sachen HalfSpeed noch genau diesen einen Schritt weiter: „Ultradisc One-Step“ nennt sich Verfahren, um noch ein Quentchen mehr an Klang rauszuholen. Die LPs werden nicht nur aus einem neuen Vinyl-Granulat gepresst – „One Step“ bezieht sich auf den Prozess der LP-Fertigung: Bei regulären LP-Produktionen wird der Lackschnitt in einen ersten „Vater“-Stempel verwandelt, von diesem wird dann ein „Mutter-Stempel“ erstellt. Erst dann entsteht der eigentliche Press-Stempel, der für die Herstellung der LP benutzt wird. Mit dem Lackschnitt können dann fast beliebig viele LPs gepresst werden.

Im One-Step-Verfahren entfallen zwei dieser drei Schritte und der Lackschnitt wird direkt zum Press-Stempel, also dem „Vater“, weiterverarbeitet. Der Nachteil: mit jedem Lackschnitt können nur wenige Hundert LPs gepresst werden. Sollen also mehr als wenige Hundert LPs hergestellt werden, werden dementsprechend mehrere Lackschnitte benötigt, was dann auch die entsprechenden Preise erklärt. Bislang gab es da aber noch kein Album für mich, mit dem ich mir den Preis schön reden konnte… aber wer weiß 😉

So bleibt mir am Ende in Sachen HalfSpeed im Zusammenhang mit 33 oder 45rpm nur die Erkenntnis: Es hilft nicht immer. Aber es schadet nie!

Ein Kommentar zu „Half Speed – Double Sound?

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  1. schön, dass ich nicht die einzige bin, der es mit Liveaufnahmen so geht. In meiner Playlist tummeln sich jede Menge Liveaufnahmen von AmyMacDonald – das klingt so unglaublich schrottig, dass ich jedesmal auf „skip“ drücke, um meine Ohren vor dem Kollaps zu bewahren. Blöd nur, dass ich mich so gar nicht von ihr trennen kann.

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