Der Weg ist das Ziel…

Bloß nichts verpassen! Kennen wir alle. Denn deshalb sind wir Musik-Verrückten ja auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen unterwegs: wir sind ständig auf der Suche nach Inspiration. Wir zeigen gerne. Wir entdecken gerne. Ok, ich zumindest 😉

Was war das früher umständlich, wenn ein Kumpel eine Scheibe empfahl, die man unbedingt hören solle: wenn man nicht gerade neben ihm und seinen Dreher saß, konnte es ganz schön dauern, bis man sich einen ersten auditiven Eindruck verschaffen konnte. Heute: sehen, googeln, hören, kaufen (oder auch nicht) – dauert keine fünf Minuten. Und mit ein wenig Glück kann man die Scheibe dann auch noch am selben Tag auflegen.

Es war Mitte Juni. In meinem Instagram-Feed tauchten einige Posts auf mit einem Album-Cover, dass für den Cover-Kauf schlicht erfunden wurde 😍 Irgendwas mit „Thank You Scientist“ und irgendwas mit „Terraformer“. Wobei für mich erst mal gar nicht ersichtlich war, was davon Bandname und was Albumtitel war. Ich tippte aus dem Bauch heraus, dass die Band Terraformer hieß. Ich lag falsch. Was dann folgte war eine Wochen andauernde Entdeckungsreise – die noch immer kein Ende gefunden hat.

Die erste Bürgerpflicht für mich an dem Punkt bedeutet immer: Erst mal reinhören. Bevorzugter Kanal: Amazon Music. Aber in Sachen „Terraformer“ war Amazon noch nicht so weit, also Youtube. Da ich absolut und so was von überhaupt nichts von Streaming halte, entfallen bei mir da die Spotifys und Deezers dieser Welt. Wenn ich Musik hören möchte, brauche ich es haptisch. Dieses digitale Online-Rezipiere ist mir einfach zu respektlos der Musik gegenüber. Gute Musik hat es einfach verdient, dass ich sie mit allen menschenmöglichen Sinnen wahrnehme. Punkt. Aber zum Vorhören reicht´s…

Wenn ich auf diese Art und Weise ersten „Feindkontakt“ mit neuer Musik aufnehme, skippe ich immer einfach erst mal so durch. Immer nur kleine Portionen. Springt mich was an, wird das Vorhören etwas intensiver, springt mich nichts an, war´s das eben. Ich liebe dieses Roulette-Spiel gerade bei Amazon, da die Snippets dir immer nur 30 Sekunden anbieten. Ich hörte also mal in die Sachen rein – und was dann geschah, hatte ich auch noch nicht erlebt. Mal war ich begeistert, mal entsetzt, mal zu Herzen gerührt, mal verwirrt, aber vor allem eins: Nie gelangweilt. Und das, obwohl mir die Stimme des Sängers erst mal gar nicht behagte…

Ich merkte, dass meine normale Vorhör-Strategie hier nicht greifen würde und fasste einen Entschluss: bis das Album nicht auf meinem Plattenteller lag, würde ich mir kein Fitzelchen mehr davon anhören. Natürlich hätte ich mir das Album erst mal komplett auf Youtube anhören können, aber mal ehrlich: Youtube, Klang, vorm Rechner hocken, Kopfhörer – das ist nicht meins. Siehe oben.

Also erst mal Recherche. Ich stellte fest, dass „Thank You Scientist“ der Bandname war, dass die Besetzung sehr ungewöhnlich war (neben vox, git. b. und dr. auch Violine, Sax und Trompete), dass im Zusammenhang mit ihrer Musik immer Jazz-Prog die Rede war und dass es das Album nur auf der Band-Webseite und als Download gab. Die Vinyl-Ausgabe war allerdings auch dort nur als Special Edition zu bekommen: farbiges Vinyl, extra Artwork, ein bißchen teuer, mit Lieferung aus den USA – das konnte kostspielig werden für ein Experiment. Aber irgendwann würde die Scheibe schon bei discogs auftauchen, also die gute, alte Beckenbauer-Taktik anwenden: In der Ruhe liegt die Kraft!

Die Tage zogen dahin. Bei discogs passierte rein gar nichts, bis auf eine Hand voll Angebote, die noch teurer waren. Es war zum Haare raufen… Wenn ich weiß, dass ein Album erst in zwei Monaten erscheint, dann ist das das normalste der Welt. Du musst halt warten, bis es soweit ist. Wie alle anderen auch. Nur in dem Fall existierte das Album ja bereits, sogar als Vinyl. Nur halt eben nicht in meiner Reichweite. Und ich glaube, genau deshalb fühlte sich mein Ehrgeiz extrem herausgefordert. Ich sag nur: Widder, Aszendent Löwe, Haus im Mars… weißte Bescheid 🙂

Da die Befriedigung meiner Neugier an dem Punkt erst einmal stockte, wandte ich mich an ein paar Prog-Spezies in meiner Community, die ich sehr gut kenne und deren Urteil für mich immer als Gradmesser dient. Natürlich kannte keiner die Band. Aber immerhin: beim Thema Jazz-Prog bekam ich den Tip, doch mal in das Album „The Slow Rust…“ von The Tangent reinzuhören. Was ich dann auch tat, mich das Album erholsamerweise nicht so verwirrte wie „Terraformer“ und darüber hinaus für interessant erachtete. So interessant, dass kurz darauf auch das aktuelle Album „Proxy“ bei mir einzog.

Die Sache mit „Terraformer“ hatte ich allerdings nicht aus den Augen verloren. Irgendwann landete ich auf der US-Seite von Amazon und da stand was von „erscheint am 19. Juli“. Erneut war ich verwirrt, da es das Album ja nun schon auf Vinyl gab, aber wahrscheinlich sollte es sich wohl um die „schwarze“ Standard-Version handeln. Ich beschloss, dieser etwas verwegenen Veröffentlichungs-Politik keine weitere Beachtung zu schenken, das Thema weiter im Auge zu behalten und mich überraschen zu lassen. Ich gönnte mir noch ein Album von The Tangent – hätte ich besser mal sein gelassen, aber egal 🙄

Irgendwann begann ich, über den Begriff „Jazz-Prog“ nachzudenken. Denn eigentlich ist diese Kategorisierung ein Unding – schließlich hat Prog von seinen Anfangszeiten an immer auch mit Elementen des Jazz gespielt hat. Also wollte ich mich schlau machen, stellte fest, dass es neben Jazz-Prog auch Prog-Jazz gab, konnte oder wollte den Unterschied nicht nachvollziehen, zumal er mir auch egal war. In dem Zusammenhang tauchten dann auch die Begriffe Fusion (was für mich definitiv NICHTS mit Prog zu tun hat) und Jazz-Rock auf, was am Ende des Tages alles verwirrender als erhellender war…

Man merkt vielleicht: ich mag diese ganzen Sub-Kategorisierungen nicht. Ich hab mir das spasseshalber mal bei Wikipedia unter dem Stichwort „Metal“ gegeben und kam aus dem Grinsen nicht mehr raus – beim 60. Subgenre hab ich aufgehört zu zählen 🤘 Bei „Prog“ dasselbe, nur nicht ganz so umfangreich. Ich muss Gott sei Dank auch mit niemanden Diskussionen führen, zu welchem Genre jetzt welche Band mit welchem Album gehört. Schließlich gibt es nur zwei Kategorien, die wirklich für einen Musik-interessierten Menschen ausschlaggebend sind: „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“. Und sowohl The Tangent als auch Thank You Scientist sind Prog. Guter Prog. 👍

Bei The Clayton Lennon Delirium bin ich mir da nicht so sicher, ob das progt, was aber auch nicht kriegsentscheidend ist. Jedenfalls hatte ich mich plötzlich an ihr Album „South of Reality“ erinnert. Als das erschien, ging es mir ähnlich, wie jetzt mit „Terraformer“. Interessantes Cover, gute Kritiken, begeisterte Posts bei Insta, verwirrendes Vorhören – nur, dass ich das Album bei seinem Erscheinen im Februar daraufhin einfach links liegen ließ. Was ein Fehler war, wie ich jetzt weiß 😉 Aber es ist ja nicht wichtig, WANN man ein Album entdeckt, sondern DASS man ein Album für sich entdeckt. Bei „Terraformer“ war mir gleich klar, dass Vorhören alleine nicht reicht. Beim TCLD nicht. Ich sollte meine Vorhör-Strategie bei Gelegenheit mal überdenken.

Und dann endlich war es soweit – „Terraformer“ tauchte bei JPC auf, mit besagtem VÖ-Datum und ich musste es gleich vorbestellen. Der 19. Juli rückte näher – aber dann begann es wahrlich eine Geduldsprobe zu werden. Lieferzeit eine Woche, Lieferzeit bis zu drei Wochen, Lieferzeit unbekannt – die Angaben, wann das Album verfügbar wäre wechselten beinah täglich. Bei Amazon war es auch nur über externe Händler zu bekommen und keine der dort angegebenen Lieferzeiten hätte es auch nur eine Stunde früher geschafft. Das ging dann noch über eine Woche so, bis endlich bei Amazon ein Prime-Zeichen neben dem Album auftauchte – Lieferzeit zwei Tage. Die sollte ich wohl auch noch schaffen…

Dann war es endlich da ♥ und da ich mir immer alles ins Büro schicken lasse, mußte ich noch bis zum Abend warten. Es kommt selten vor, aber ich fühlte mich wie ein Kind, das im Garten an den Baum gefesselt war und den Nikolaus aus dem Schornstein kommen sah. Abends dann lag die Scheibe endlich auf meinem Plattenteller und drehte ihre Runden…

Überraschung Nummer 1: ich hatte schwarzes Vinyl erwartet, hielt aber dennoch die farbige Special Edition in der Hand. Und Überraschung Nummer 2: erwarte jetzt bitte niemand, dass ich etwas zu der Musik sage. Kann ich nicht 😎 Es ist eines der spannendsten Alben, das mir je untergekommen ist – aber ich kann derzeit beim besten Willen noch nicht einmal sagen, ob es mir gefällt oder nicht. „Tales of Topographic Oceans“, mein Lieblingsalbum von Yes kommt im Vergleich dazu direkt griffig rüber – wer „Tales“ kennt, hat eine ungefähre Ahnung davon, was ihn bei „Terraformer“ erwartet.

Dieses Album fordert mich – und so was mag ich. Die wochenlange Jagd hat sich für mich jedenfalls gelohnt, zumal ich drei tolle Alben auf dem Weg gefunden habe, die sonst an mir vorbei gerauscht wären. Und auf „Terraformer“ gibt es so viel zu entdecken – auch das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Und da ich bislang mit dem Album Geduld hatte, ist das vielleicht auch der richtige Weg, dieses Goldstück zu erkunden! Die Entdeckungsreise geht weiter… ♥

3 Kommentare zu „Der Weg ist das Ziel…

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