Ich streite nicht über Geschmack!

Ich sage es am besten gleich vorab: Ich bin ein Geschmacksnazi!

Dabei mag ich diesen Menschenschlag so rein gar nicht. Ich mag es einfach nicht, wenn Leute nur bestimmte Phasen einer Band, und dann auch noch vorzugsweise deren Ursprungs-Phase, beinahe postularisch zur einzig wahren Besetzung manifestieren. „Genesis hat für mich aufgehört zu existieren, als Gabriel gegangen ist!“ Oder: „Fleetwood Mac waren ohne Peter Green doch überhaupt nicht mehr relevant!“ Ihr seht, in welche Richtung das geht…

Normalerweise entgegne ich dann immer: „Bands entwickeln sich weiter, mit oder ohne die entsprechenden Ikonen. Die Beatles haben am Ende auch andere Sachen gemacht, als am Anfang. Stell dir nur mal vor, Yes hätten sich personell nie bewegt…“ So oder ähnlich läuft dann meine Gegenargumentation. Aber insgeheim wußte ich: Fleetwood Mac haben mich mit Peter Green nie interessiert, da sie mir da schlicht zu langweilig waren. Mit Lindsey Buckingham kam einfache die notwendige Prise Pep rein. Und Pop! Außerdem halte ich ihn für einen der besten und unterschätzesten Songwriter auf diesem Planeten. Und an seinem Fingerpicking würde sich Mark Knopfler den Mittelhandknochen brechen!

Falls übrigens jetzt schon jemand einwerfen möchte, ich sei doch selber so ein Geschmacksnazi, dem möchte ich entgegnen: 1. siehe oben, 2. ich weiß und 3. wart´s ab, es kommt noch noch schlimmer 😂 Außerdem sehe ich die Lage bei Genesis etwas differenzierter – aber das hatten wir ja schon mal.

Ich mag das übrigens auch nicht, wenn Menschen sich ausschließlich einem Genre widmen. Die sind ganz schlimm! Aber das nur am Rande…

Gehen wir in medias res und zum aktuellen Anlass dieses Artikels: Ich war nie ein großer Fan von Marillion, aber immer ein großer Fan von Fish. Auch, wenn ich ihn erst mit Marillion entdeckt habe. Das war im Sommer 1985 und klar, das Album war natürlich „Misplaced Childhood“. Kaleigh und Lavender liefen im Radio rauf und runter und beide Songs hatten was erfrischend anderes als das, was sonst im Radio lief. Ich sag nur Moti Special, DeBarge, Pia Zadora oder Modern Talking. Und da ich ja eh ein Herz für Prog hatte, war das besagte Marillion-Album für mich natürlich erste Bürgerpflicht.

Folgerichtig war „Clutching at Straws“ zwei Jahre später natürlich in meinem Regal, kurz nachdem mein Dealer die Scheibe aus dem Karton geholt hatte. Und seitdem ist das mein absolutes Lieblingsalbum von Marillion. Das war noch ein wenig verquerer und nicht ganz so eingängig wie der Vorgänger. Konnte man derzeit noch mit Lavender sogar das ein oder andere Mädchen beeindrucken, hatte Clutching in der Richtung eigentlich nichts zu bieten – was eindeutig FÜR das Album spricht.

Ein Jahr später ging Fish und von da an interessierte ich mich mehr für seine Solo-Alben als für das, was seine Ex-Band da fabrizierte. Hin und wieder bekam ich mal einen Song mit, die für mich aber alle über das Prädikat „öde“ nie hinaus kamen. Bei Fish konnte ich mich dagegen noch für seine schlechten Alben begeistern. Nach „Songs from the Mirror“ konnte er für mich nichts mehr falsch machen (ja, ich weiß, das sind alles Cover 😉), nach „Raingods with Zippos“ hat er einiges falsch gemacht – aber egal.

Wir halten fest: seit Clutching habe ich kein Marillion-Album mehr gekauft. Also gut 30 Jahre lang. Was viel erstaunlicher ist: die beiden ersten Marillion-Alben habe ich auch nie gekauft. Ich habe sie auch nie gehört! Und dabei bin ich sonst so ein Junkie, der, wenn er sich einmal für eine Band begeistert, sofort alles haben muss. Dass das in dem Fall so lange gedauert hat, wundert mich selber 🙄 Und ich hab noch nicht mal eine schlaue Antwort darauf!

Dementsprechend habe ich „Fugazi“ erst kürzlich entdeckt. Es begann damit, daß ich mir Clutching als Remaster neu auf Vinyl geholt hatte. Ich weiß, ich will eigentlich nicht Alben, die ich auf CD bereits habe, auch noch als Vinyl kaufen. Aber bei den Masterpieces werde ich einfach schwach 🤫 Und: Die Scheibe klang toll, also folgte ein wenig später auch Childhood. Erst da fiel mir auf, daß ich die beiden Erstlinge nie gehört, geschweige denn besessen habe. Eine kurze Recherche ergab: Fugazi wird leicht, Script nicht. Zumindest nicht als Remaster…

Hinzu kam, daß ich Fish Mitte August im Rahmen der Classic Rock Nacht am Bonner Kunstrasen gesehen habe (s. Bild oben). Zum ersten Mal hatte ich ihn live vor mir! Gut, auch er ist ein wenig in die Jahre gekommen, aber scheiß drauf: ich hatte einen tollen Tag mit Freunden, das Wetter spielte in Sachen Open Air einigermaßen mit, zudem waren Riverside auch da und ganz großes Kino! Es brauchte dann zwar immer noch einen Monat, um „Fugazi“ schlußendlich zu kaufen – aber was ist das schon angesichts der 35 Jahre, die ich eh dafür gebraucht habe…

„Fugazi“ ist nett, reicht aber für mich nicht an die anderen beiden ran. Nice to have, aber auch nicht weltbewegend. Das verflixte zweite Album halt. Ihm fehlt einfach das Griffige, das die beiden Alben danach für mich auszeichnet. Ein Freund meinte dann, Script sei ein Meisterwerk. Was ich mir erst mal so nicht vorstellen konnte, aber er hatte mich an den Eiern. Und sie fehlte halt noch.

Ich mag wie gesagt die Vinyl Remaster der frühen Alben, klanglich sind die toll. Aber an das Debüt ist nicht so leicht dran zu kommen. Bei Discogs steht gerade mal ein (1!!!) Exemplar in Mint, und das aus den USA. Da gerade eine andere Lieferung aus Amerika seit drei Wochen beim Zoll festhängt, bin ich da gerade ein wenig ein gebranntes Kind. Ich muss mich da also ein wenig in Geduld üben. Nicht eine meiner größten Stärken…

Also habe ich mir für ein paar Euro eine gebrauchte und halbwegs hörbare Version von Script gekauft – ich war einfach zu neugierig. Und was ist das bitte für ein geiles Debut!!! Also wird jetzt ein Remaster in #Mint gejagt. Schließlich ist gerade auch die Jagd was Schönes – man muss es sich ja nicht immer gleich leicht machen…

Und genau so lange, wie ich für die beiden ersten Alben von Marillion gebraucht habe, brauchte ich auch für die Erkenntnis: ja, ich bin ein reaktionärer Geschmacksnazi! Bloß, weil es bei mir spätere Band-Phasen gibt, die ich bevorzuge, bin ich ja keinen Deut besser als diejenigen, die nur der Erstbesetzung eine Aufenthaltsgenehmigung in das heilige Land ihrer Geschmacksverirrung gewähren. Ich hab halt nur den Vorteil der Gnade der späten Geburt. Und den besseren Musikgeschmack! 😎

In diesem Sinne: ohne Fish… 😇 Amen!

11 Kommentare zu „Ich streite nicht über Geschmack!

Gib deinen ab

  1. Wenn eine Band das Personal wechselt, kann das manchmal nur besser werden wie z.B. bei Runrig – da fand ich die Stimme des neuen Sängers angenehmer als die des ersten. Dass sich die Band letztes Jahr aber leider aufgelöst hat, fand ich schade, aber Mr.Guthro macht Solo weiter, und darauf bin ich schon sehr gespannt.
    Anderes Beispiel wäre noch AC/DC. Oder Iron Maiden – die hatten mit neuer Besetzung noch Jahre später Erfolg.

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  2. Es gibt auch Bands die erst in ihrer 2. Besetzung richtig gut wurden. Deep Purple dürften diesbezüglich wohl als Paradebeispiel gelten. Ein Gillan in jungen Jahren war stimmlich aber auch unschlagbar. Iron Maiden mit Bruce Dickinson als Shouter und Nachfolger von Paul DiAnno sollte hier auch nicht vergessen werden. Wobei bei beiden Bands auch auf ihren frühen Werken bereits ihre musikalische Sonderklasse in Erscheinung trat.

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    1. Ja, Mark II war legendär ❤️ ich finde auch die beiden letzten Alben sehr stark! Aber Purple ist eh ne Ausnahmeerscheinung, da die in jeder Besetzung Stärken und Schwächen hatten. Maiden ist gar nicht mein Beritt 🤣

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    2. Or nööööö! Deep Purple Mark i machte eindeutig die bessere/abwechslungsreichere Musik. In der Mark II gibt es schöne bzw. rockhistorische Nummern aber eben ganz viel Rillenfüllermüll.
      i love you i need you I got to be near you…. Dünne….sehr dünne…

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      1. Ich höre mich ja eher von der Gegenwart in die Vergangenheit. Da ist es mir relativ egal wie die Besetzung der Band war. Aktuell hat mich dann doch Pink Floyd gepackt, ich mag aber auch nicht alles. Ob das nun an der Besetzung liegt, ist mir Schnuppe. Ich denke wenn, muss man selbst schon gelebt haben als bsp. Peter Gabriel Genesis verlassen hat… Collins war ja damals schon da.
        Die wenigen Bands meiner Jugendzeit, die 1. noch existieren und mir 2. noch gefallen erweitern eher, als das sie ihre Besetzung verändern. Aber wo ich grad drüber nachdenke, Pearl Jam ohne Eddie und die Foo Fighters oder Dave Grohl wären wohl auch für mich völlig undenkbar. Der Rest ist ersetzbar ;-).
        Schön übrigens, mal wieder was von dir zu lesen.

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      2. Mir geht das auch oft so, Bands erst spät zu entdecken. Mac, Genesis, Floyd sind da beste Beispiele. Ich arbeite mich dann auch i. d. R. zurück und vermutlich kommt daher meine Abneigung zu Ur-Besetzungen und deren puristische Verfechter. 😉 Und danke 🤗 das Schreiben fiel die letzten Monate was schwer.

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  3. Hm. Ging mir wiedermal ähnlich. Die beiden ersten Marillion hab ich einmal gehört und das reicht. Childhood und die Clutching at dingsbums sind dann doch 2 oder 3 Stufen höher anzusiedeln. Die Fishlosen Marillion hab ich auch so lange gemieden, aber die FEAR ist Top! Ein wahres Highlight in Text und Musik.
    Fish Solo ist eine kranke Kiste, manches geht, aber wenig. Die „Boulabaisse/Best of“ enthält eigentlich für meinen Geschmack fast alles, was ich von ihm hören will. Das rammlige Incommunicado konnte ich schon auf der Clutching nicht ab und das nimmt auch auf der Best of Platz weg.

    Zu diesen Glaubenskriegen um Besetzungen: Joah, da hat so jeder seine Lieblingsprobleme. Weil oben grade Deep Purple ein Thema waren: Ich feiere von denen die „Purpendicular“ und die „So what“, das ist dann so die Mark 7 oder 8, aber mir scheißegal.

    Der zweite Frühling von den Allman Brothers gefällt mir eigentlich besser, als die Klassiker/ Ausnahme „Filmore Concerts“, die muss man natürlich haben! Aber danach kommen dann gleich „Seven turns“ „Where it all begins“ und „Hitting the note“.

    usw. usw.

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  4. Marillion ohne Fish habe ich oft versucht und war sehr enttäuscht. Wollte aber unbedingt anbeißen. Hat dann doch bei zwei Alben funktioniert. Der Rest #hüstel#.
    Also leg ich Dir mal nen Köder aus…
    Marbles ist ein Traum. So wunderbar, dass ich gar nicht erst in Verlegenheit gerate, einen Vergleich zur Zeit mit Fish in Betracht zu ziehen 😇

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