Ich höre, also bin ich

Ich höre Musik, seit ich denken kann. Es gibt Zeitgenossen, die meine letztere Fähigkeit bis heute vehement bezweifeln 😉 Und für die erste Fähigkeit kann ich nichts – irgendwann ging es einfach. Aber mit „Musik hören“ meine ich nicht, dass ich jetzt hier sitze und schreibe, während im Hintergrund Kip Hanrahan läuft. Ich meine damit: ich sitze vor meinem Heiligtum, der Anlage, es läuft Musik, die ich hören will und dann passiert sonst nichts. Gut, es wird geraucht und Kaffee getrunken. Aber sonst: nur die Musik und ich.

Es gab eine Phase in meinem Leben, da hatte ich ein eigenes Zimmer zum Musik hören. Perfekt eingerichtet, Anlage an, Tür zu. Die beste Ex-Ehefrau von allen hat nie verstanden, wie man nur da sitzen und Musik hören kann. Verstanden habe ich es auch nie. Aber es war jedesmal toll. Besser als Urlaub. Auf mich hat das Hören von guter Musik geradezu katharsische Wirkung. Vor Kurzem hatte ich mir zum ersten Mal die Frage gestellt, woher das kommt. Die Antwort war einfach.

Als Kind war ich das, was man einen Stubenhocker nannte. Am liebsten hörte ich meine Märchenschallplatten, wobei ich mich da nur noch an die „Lok 1414“ erinnern kann – aber es waren so vier, fünf verschiedene Schallplatten. Und der kleine Axel hockte gebannt davor und hörte zu – sofern er nicht mit seinen Spielzeugautos spielte. Wir hatten ja sonst nichts 😁 Ernsthaft: Fernseher waren damals nicht nur selten, sondern auch schweineteuer. Und selbst wenn es ein TV-Gerät gegeben hätte: es gab zwei Programme, schwarz-weiß, das Programm begann erst um 18 Uhr. Manchmal denke ich, wie schön das war…

Ich war froh, dass wenigstens ein Plattenspieler im Haus war, wenn auch im Rückblick eine fürchterliche Kreissäge. Den Tonarm musste man nach rechts bewegen, um den Teller ans Laufen zu bekommen. Die Box war im Deckel des Plattenspielers untergebracht und wenn die Scheiben zu eng gepresst waren, musste man ein Fünf-Mark-Stück auf das Headshell zum Beschweren kleben. Damals fand ich das toll – beim Gedanken daran läuft mir heute nur ein kalter Schauder über den Rücken. Das „Texas Chainsaw Massacre“ ist eine Märchenplatte dagegen 😮

In meiner präbutertären Phase hing ich oft vorm Radio. Ein Kofferradio, von Grundig. Das mit der grünen Taste für RTL Radio. Am liebsten hörte ich „Mel Sondocks Diskothek im WDR“ auf WDR 2 – Sweet, Slade, Rubettes, ABBA, Sailor und wie sie alle hießen. Ich saß vor dem Radio, schnitt alles vom Radio auf meinen Poppy Kassettenrekorder mit – mit Mikrophon! Und meine Eltern wußten, dass sie da auf keinen Fall reinkommen durften und haben das auch meistens hinbekommen 🙄 Hauptsache also war, ich war allein beim Hören.

Übrigens: Auf die Art und Weise habe ich damals sogar meine ersten Mixtapes gemacht. Kein Wunder, dass ich Spotify nicht ernst nehmen kann…

Als es dann bei uns einen Fernseher gab, war „Top Pop“ im niederländischen Programm für mich ebenfalls ein Quell der Freude. Und natürlich der „Rockpalast“ ❤️ Im TV die Bilder, der Ton kam über das Radio, Kopfhörer auf, Stereo – einfach herrlich! Um in die Grugahalle zu dürfen, war ich zumindest anfangs einfach zu jung. Aber mir die Nacht mit Rory Gallagher, Prince oder The Police um die Ohren zu schlagen war Okay. Gottseidank!

Irgendwann fing ich natürlich an, mich für HiFi zu interessieren – wer gerne Musik hört, will die natürlich auch irgendwann gut hören. Hier jetzt die ganzen Auswüchse meines hifidelen Lebens aufzulisten, wäre ein Fass ohne Boden. Und auch nicht hilfreich. Ich befinde mich derzeit auf der vorletzten Stufe meiner audiophilen Inkarnation. Die Anlage hier ist schon so nah dran, dass sie das Wort „Perfektion“ am Horizont fehlerfrei und ohne Brille entziffern kann. Für den letzten Schritt fehlt einfach ein Lottogewinn – die Grenzen nach oben sind einfach zu offen 🤑

Womit ich höre, seht ihr weitestgehend in diesem Artikel. Und mal abgesehen von der Anschaffung meines Pro-ject und der Brüllwürfel ist da in den letzten Jahren auch nicht viel passiert. Allein beim Hören selber hat sich etwas verändert: ich höre mittlerweile lieber Vinyl. Nicht, weil das Medium als solches besser klingt als eine CD. Das tut es nicht. Meistens zumindest. Es klingt nur anders.

Es ist einfach der Vorgang, eine Schallplatte aufzulegen, zu pflegen und dann zu genießen… Ich habe dabei das Gefühl, mit der Musik respektvoller umzugehen. Die CD ist nach wie vor praktischer. Und da ist die gleiche Musik drauf. Aber Vinyl verschafft mir mittlerweile mehr Genuss beim Hören.

Nun ist es ja mittlerweile so, dass man beim Musikhören nicht mehr so ganz zwingend für sich sein muss. Instagram, Facebook und Konsorten bieten einem da ja schon durchaus Möglichkeiten. Vor allem, wenn man weiß, wie man offline geht 😉 Früher habe ich gerne mit Freunden zusammen Musik gehört, auch die Neulinge, die gerade ins LaMös eingezogen sind. Im Nachhinein betrachtet war das aber eher so semi. Klar, als musikbegeisterter Mensch möchte man sich gerne mit Gleichgesinnten austauschen, Inspiration erfahren und natürlich auch Bestätigung bekommen. Nur kann man beim Ersthören in beinah sakraler Hingabe, so wie ich das gerne mache, niemanden bei gebrauchen. Da ist mit Insta anders und ich schätze das sehr!

By the way, und um euch mal über mein Posting-Verhalten aufzuklären: bei Facebook bin ich in Sachen Vinyl nur in einer Gruppe aktiv – meine „offizielle“ Timeline lass ich damit in Ruhe. Die meisten wissen da eh, wie bescheuert ich in der Hinsicht bin 😇 Während ich mich bei FB thematisch frei bewege, nutze ich Insta ausschließlich für musikalische Themen. Über das Für und Wider hab ich hier ja schon mal geschrieben – so viel hat sich da auch nicht geändert, aber ein kleines Update sei dennoch gestattet:

Bei Insta poste ich nur die neu angeschafften Scheiben – was ich aktuell höre sieht man meist in den Stories. Da findet dann mittlerweile auch die meiste Kommunikation statt – wahrscheinlich, weil die dann nicht öffentlich ist und man sich eher „privat“ unterhält. Das, was ich daran mag, ist vor allem, dass man die Kommunikation „steuern“ kann: hab ich keine Lust auf Austausch, halt ich eben die Füße still. Die andere Seite übrigens genauso – man redet miteinander, wenn beide Lust drauf haben.

Ihr seht, das Zuhören wurde mir quasi schon früh in die Wiege gelegt. Zuhören kann ich gut. Zumindest bei Musik – bei Beziehungskontrahentinnen ist das was anderes 😎 Das liegt zum einen in der Natur der geschlechtsspezifischen Dinge. Zum anderen, weil dem Zuhören von Musik eine elementare Bedingung vorausgesetzt ist: ich will in dem Moment zuhören. Ich habe Lust dazu, will es genießen und setze alles daran, auch wirklich bereit dafür zu sein.

Ich bin Albumhörer. Und Single. Das erklärt da vielleicht einiges! 😉

Manchmal zelebriere ich das förmlich, so mit Vorspiel und so. Kaffee und Kuchen stehen bereit, genügend Zigarretten vorhanden, die Verstärker-Sektion ist warm gelaufen und die neue Errungenschaft wartet nur darauf, dass die Nadel in die Rille dringt. Aprospos neue Errungenschaft: manchmal will man ja eine bestimmte Scheibe unbedingt haben, freut sich darauf, sie aufzulegen, man lauscht den ersten Klängen – und ist dann auch mal maßlos enttäuscht. Manchmal. Meistens nicht. Man hat sie schließlich gejagt (unter Umständen) und erlegt. Doch letztlich gehört das zum Genuß dazu. Enttäuschungen werden dann je nachdem entsorgt, getauscht oder verschenkt. Und durch die nächste Neue ersetzt.

Ich rede übrigens immer noch von Schallplatten… 🤗

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