Ich wasche, also spin ich

„Die beiden Dinge, die mir an Vinyl gefallen, sind die Kosten und der Aufwand.“

Jeder, der sich für Vinyl interessiert und online rumtreibt, kennt diesen Cartoon. Und wahrscheinlich jeder, so wie ich, wird sich, während er sich beim Grinsen erwischt, insgeheim gefragt haben, warum er sich das eigentlich antut. Diese umständliche Handhabung, die ständige Pflege – wahrscheinlich hat nie ein wahrer Vinyl-Fan mal ausgerechnet, was er da zusätzlich an gefütterten Innenhüllen, Außenhüllen, Zubehör oder Reinigungsmitteln aufwendet. Mal abgesehen davon, dass eine LP immer deutlich im Preis über ihrem digitalen Pendant liegt.

Aber beginnen wir von Anfang an. Es war mal wieder Jahreswechsel, und der geneigte Leser weiß, daß ich in dieser Zeit gerne mit technischen Neuerungen zur Verbesserung meines Hörvergnügens liebäugle. Diesmal stand das Thema Plattenwaschmaschine bei mir auf dem Programm. Irgendwie war ich es leid, immer zum Extremreinigen etliche Kilometer zu fahren – auch wenn der Vinyl Cleaner Pro von Gläss, den mein Lieblingswäscher zum Service nutzt, im weiten Umkreis die besten Ergebnisse liefert. Ein tolles Gerät – und auch, wenn ich dazu neige, bei derlei Anschaffungen gerne mal auf die Kacke zu hauen: 2.500 € um Platten zu Waschen – das war es mir nicht wert.

Standardreinigung mit Yoko-Bär 🙂

Ich habe mich in den letzten Jahren immer um das eigene Waschen der Platten gedrückt. In meiner Jugend Maienblüte hatte ich auf Nassreinigung während des Abspielens gesetzt – Fehler. Ein großer. Von daher war ich in Sachen Nässe und Schallplatten ein gebranntes Kind. Außerdem war mir das mit den Reinigungsmixturen immer ein Geheimnis, um das ich mich eigentlich mit aller Gewalt drücken wollte. Auch beim Waschen selber die Mixtur auftragen und verteilen traute ich mir nicht wirklich zu – alles nur wegen der schlechten Erfahrungen mit dieser Plastikröhre und ihrem feuchten Inhalt, der mir damals einige schöne Scheiben schlicht versaut hat.

So ein Vollautomat wie die Clearaudio Double Matrix wäre da natürlich hilfreich – beim Blick auf das Preisschild wird einem ja aber direkt schwindlig 😜 Eine Plattenwaschmaschine, die mehr als das doppelte meines Players kostet, kam schon mal überhaupt nicht Frage. Meine Wahl fiel auf die VC-S2 ALU von Pro-Ject. Preislich im Rahmen, das Teil sah sexy aus und da mein Player ebenfalls von den Österreichern kommt, war mein Vertrauen groß. Zudem kannte ich einige Leute, die das Vorgängermodell nutzten und keiner hatte was zu meckern.

Bildquelle: https://www.project-audio.com/de/produkt/vc-s2-alu/

Wie es der Zufall so wollte, fand in der Phase meiner Meinungsfindung eine Plattenbörse in Köln statt. Wir hatten uns mit drei Jungs verabredet und beinah schon „traditionell“ vorab zum Frühstück getroffen. Das Thema „Waschen“ fand schnell seinen Weg auf die Tagesordnung. Der eine nutzte besagte Maschine von Pro-Ject, der andere die legendäre Knosti. Die kam bis dahin gar nicht in meinem Kosmos vor: sie sieht einfach billig aus, versprüht die Sexyness von Stacheldraht – und Scheiße, da mußt ja du alles selber machen. Ich war eh kurz davor, in Sachen Pro-Ject zuzuschlagen und harrte eigentlich nur auf Bestätigung.

Zwischen den beiden Freunden entbrannte eine lebhafte Diskussion über das Für und Wider der jeweiligen Maschine. Am Ende stand für mich nur noch ein wesentlicher Unterschied im Fokus.

In Sachen Aufwand tun sich beide Systeme nichts: beim einen (Knosti) füllst du die Flüssigkeit in den Tank, beim anderen trägst du die Flüssigkeit selber auf. Und zwar jedes mal, auf jede Seite. Denn wenn bei der Pro-Ject eine Seite gereinigt ist, musst du sie danach umdrehen und den Vorgang – samt Verteilen der Flüssigkeit – wiederholen. Bei der Knosti werden beide Seiten gleichzeitig gereinigt. Dafür Vorteil Pro-Ject: die Scheibe ist nach der Reinigung direkt trocken und kann abgespielt werden. Bei der Knosti läßt man sich lieber 20 Minuten + X Zeit zum Trocknen. Dafür vollzieht sich der Vorgang in absoluter Stille 🤫

Nach einer lebhaften Diskussion stellten wir unisono fest: der Arbeits- und Zeitaufwand ist bei beiden Maschinen gleich. Bei beiden arbeiten Bürsten zur Reinigung, bei beiden brauchst du den Einsatz deiner Hände für den eigentlichen Reinigungs-Vorgang, bei beiden Systemen ist es von Vorteil, keine fertige Reinigungs-Mixtur zu benutzen. Wir waren uns am Ende alle drei einig, dass es nur zwei wesentliche Unterschiede gibt: die optische Sexyness (Sieger: Pro-Ject) und der Preis. Rund 500 gegen rund 70 Euro sprechen eigentlich eine klare Sprache. Oder, um es mit der Formulierung des Knosti-Fans zu sagen: „Warum soll ich für dasselbe Ergebnis und den gleichen Zeitaufwand über 400 euro mehr zahlen?“

Ihr seht, worauf meine Wahl gefallen ist. Und nein, ich habe keinen Cent gespart – den „gewonnenen“ Etat hab ich dann in einige tolle Scheiben investiert 😁 Bis die Knosti bei mir einzog, hatte ich meist einen Bogen um gebrauchtes Vinyl gemacht. Das hat sich jetzt erledigt. Bislang ist mir erst eine Second Hand-Scheibe untergekommen, die die Knosti nicht in den Griff bekommen hat. Die war allerdings – obwohl die Platte beim Kauf gar nicht so schlimm aussah – auch mit der Gläss nicht mehr zu retten…

Bevor jemand fragt: ich wasche mit einem Mix aus 80% Isopropylalcohol, 20% bi-destilliertem Wasser und 2ml Mirasol 2000. Und falls das jemand liest, der in Sachen Vinyl nicht so zu Hause ist:

Nein, ich habe kein „n“ vergessen 🙂

3 Kommentare zu „Ich wasche, also spin ich

Gib deinen ab

  1. Das gefällt mir, wir arbeiten ja auch seit 20 Jahren mit der Knosti. Wir haben uns mal für ein Wochenende eine professionelle Maschine ausgeliehen um einen großen Stapel schneller und besser abzuarbeiten. Pustekuchen, weder Zeit gespart nich bessere Ergebnisse erzielt.
    Die Knosti wird weggeräumt, wenn sie nicht gebraucht wird, dann muss sie auch nicht sexy aussehen.
    Liebe Grüße aus Wuppertal

    Gefällt 1 Person

    1. Sexyness ist ja letztlich auch nur ein Nice to have 😉 aber schön, dass das auch Profis bestätigen können ♥

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