Das Lückenfüller-Jahr

Es ist irgendwie ein komisches Jahr. Und damit meine ich nicht diesen seltsamen kleinen Virus, der uns seit Wochen in Atem hält. Ich meine einfach nur, dass es herzlich wenig interessante Neuerscheinungen in diesem Jahr gibt. Ja ich weiß, dass Problem mit dem undefinierbaren Fickfaktor hatte ich schon letztes Jahr und plötzlich kam 2019 doch noch aus den Puschen. Aber damit dürfte es in diesem Jahr etwas schwieriger werden – und da sind wir dann doch, zumindest als Nebenerscheinung, bei dem kleinen Virus gelandet.

Aber egal. Wir haben jetzt Mitte Mai und erst sieben Neuerscheinungen haben den Weg in mein LaMös gefunden: Klangstof – The noise you make is silent * Ripe & Ruin – Everything for Nothing * Elbow – Live at the Ritz * Lazuli – Le Fantastique Envol De Dieter Böhm * Pure Reason Revolution – Eupnea * Pat Metheny – From this place * Nils Landgren – Kristallen. Wobei ich zugeben muss: das letzt genannte Album wird mit Sicherheit nicht in den Top Ten dieses Jahres landen. Wenn alles normal läuft. Aber wer weiß das schon…

Klangstof

Wer jetzt denkt, dass in diesem Jahr erst sieben Scheiben gekauft habe, der irrt 😉 Denn ich bin in diesem Jahr ja zum Knostiker mutiert, ein Schritt, den ich nicht eine Sekunde bereut habe. Im Gegenteil. Seitdem schau ich mich verschärft in den Second Hand-Abteilungen um. „Waschbar“ oder „nicht waschbar“ sind da ja jetzt die Entscheidungskriterien für den Kauf. Und die Knosti haut echt was aus den Rillen. Bei einer Scheibe hat sie ziemlich fiese Schliergeräusche eliminiert – und besagtes Album wurde zuvor von einer Gläss gereinigt, die das nicht so gut in den Griff bekommen hatte.

Man hat als Vinyl-Süchtiger ja diverse Scheiben im Blick und auf seiner Wunschliste. Vor meinem knostischen Zeitalter hatte ich immer auf Reissues gewartet oder halt ein Exemplar bei Discogs in tunlichst neuem Zustand gesucht. Bestes Beispiel: Golden Earring mit „N.E.W.S.“ Ich mochte die Band in dieser Phase. Ihr erstes Live-Album hat mich damals von den Socken gehauen – auf die Studio-Alben ihrer Frühphase kam ich dann nicht so klar.

Mit „Something heavy going down – Live from the twilight zone“ war es genau umgekehrt. Das Album habe ich vor allem wegen Songs wie „Long Blond Animal“, „Twilight Zone“ oder „When The Lady Smiles“ geliebt, bin aber nie auf die Idee gekommen, mal in die entsprechenden Studio-Alben reinzuhören. Also stand natürlich u.a. besagtes „N.E.W.S.“ auf meiner Liste, und zwar in der Version von Music on Vinyl. Ich mag die Veröffentlichungen des holländischen Labels, da sie immer Top gefertigt sind: Cover, Pressung, Vinyl oder Klang rufen bei mir immer reichlich Begeisterung hervor. In dem Fall war mir allerdings der Preis bei Discogs mit rund 35 Euro für ein Exemplar in Mint immer zu teuer. Und ich habe sie nie bei einem deutschen Händler gefunden, sprich: Versandkosten waren auch nicht gerade läppisch…

Und seien wir mal ehrlich: es ist ja toll, dass man online beinah alles auf der Welt irgendwo finden und kaufen kann – aber im Regal bei einem local Dealer zu stöbern ist schon was geiler 😍 Gut, dort habe ich dann das Album zwar nicht in der gesuchten Ausgabe gefunden, aber am Ende ist ja auch bei einer „normalen“ Ausgabe die gleiche Musik drauf. Und im Vergleich zur gewünschten Ausgabe ist ein Preis von 5 Euro ein durchaus schlagendes Argument. Das schlagendste Argument aber ist: abgesehen von „When the Lady smiles“ ist das ein echtes Scheiß-Album und ich bin heilfroh, dafür nicht mehr Geld ausgegeben zu haben. Trotzdem bleibt es natürlich in meinem Regal stehen…

Da man eh beim Diggen immer irgendwas findet, kommt man da durchaus mal mit fünf Scheiben unterm Arm wieder raus und hat 20 Euro bezahlt. Ich kaufe seit Knosti zwar mehr Scheiben, gebe aber weniger dafür aus. Das scheint in diesem Jahr durchaus mein Trend zu sein, denn so habe ich einige tolle Alben erstanden, die – im Nachhinein betrachtet – unverständlicherweise bis dahin nie mein Interesse geweckt hatten.

Ein Beispiel: Al Jarreau. Ich hatte von ihm über Dekaden hinweg nur ein „Best of“ als CD zu Hause stehen. Irgendwann fiel mir sein Album „Jarreau“ in die Hand, dass ich nach dem Motto „Da kannst du bestimmt nichts mit falsch machen“ einfach mal mitgenommen hatte. Und ich war geflasht. Was soll ich sagen: meine Al Jarreau-Sammlung wächst und gedeiht, allerdings bevorzugt seine Sachen aus den 80ern. Eine Dekade, die ich musikalisch immer verflucht habe – ich bin halt in den 70ern musikalisch groß geworden 🤘

Seit meinem verstärkten Second Hand-Interesse hab ich angefangen, selbst diese Dekade etwas mehr ins Herz zu schließen. Es gibt halt immer wieder was zu entdecken! Nicht nur in Sachen Al Jarreau, bei dem ich mich wirklich wundere, warum ich ihn so sträflich missachtet habe. Selbst die Rolling Stones hab ich angefangen zu entdecken – wohlgemerkt mit ihrem Oevre aus den 80ern!

Ich war ja immer Team Beatles und hab ich mich auch nie sonderlich mit den Stones befasst. Der erste Berührungspunkt für mich anläßlich der Voodoo Lounge-Tour. Erstens weil ich „Love is strong“ von Beginn an mochte, und zudem hatte ich da erstmals die Gelegenheit, die Stones live zu sehen. Man muss sie ja nicht zwingend mögen – aber Entertainment auf der Bühne können die, mein lieber Schwan!

Meine beste Ex-Ehefrau von allen war ein großer Stones-Fan, von daher musste ich mich nie um Platten von denen kümmern. Aber schon damals war klar: mit den frühen Sachen komm ich nicht klar. Einzig „Beggars Banquet“ landete irgendwann bei mir. Aber außer „Sympathy“ könnte ich jetzt zum Teufel keinen weiteren Titel von dem Album aus dem Stand benennen…

Als wir uns trennten war klar, dass meine Frau die Stones-Alben mitnahm. Und das war Jahre später immer mein Problem: in meinem Kopf hatte ich viele Alben unter „hab ich ja“ in meinem Kopf abgespeichert. Ich hatte die auch mal. Also wir. Also… ihr seht das Dilemma 😜 „Tattoo you“ könntest du noch mal hören, ich schau ins Regal – tja, ist dann doch nicht mehr da…

So habe ich im Laufe des Jahres einige Stones-Alben entdeckt und gefunden, die ich zu anständigen Preisen bekommen habe. Im Grunde bewegen uns da aber wie gesagt nur in den 80ern, also von „Emotional Rescue“ bis „Steel Wheels“. Plus besagte „Voodoo Lounge“, die ich allerdings eher aus nostalgischen Gründen gekauft habe. Allerdings finde ich das Album sehr stark, nachdem ich es dann tatsächlich noch mal gehört habe. „Bridges to Babylon“ steht noch auf meiner Liste, aber die kommt ja zum Glück bald als Reissue raus. Im Original auf Vinyl ist die ja unbezahlbar. Und ganz ehrlich, dann reicht es auch 😎

Ich hatte mir ja eigentlich auch immer vorgenommen, keine Alben auf Vinyl zu kaufen, die ich in einer anständig klingenden Version auf CD da habe. Aber auch da bin ich letztens mal kurz schwach geworden 😁 „Going for the One“ ist mein zweitliebstes Album von Yes – und bevor einer fragt: „Tales of topographic Oceans“! Besagtes „Going“ fiel mir als Japan-Pressung in die Hände. Das Vinyl sah ok aus, aber viel wichtiger: das Cover! Nicht nur, daß es in absolut geilem Zustand war, es war auch das originale Trifold-Cover und das findet man auch nicht alle Tage. Und schon gar nicht in dem Zustand! Und ganz ehrlich: in Zeiten wie diesen muss man auch mal fünfe gerade sein lassen. Ich freu mich jedesmal wie ein kleines Kind zu Weihnachten, wenn ich das Cover aufklappe…

Und das Vinyl war nach einem Bad in der Knosti auch toll 😉

Ich lehne mich jetzt mal zufrieden zurück und bin gespannt, was dieses Jahr noch an Überraschungen zu bieten haben wird.

In diesem Sinne: bleibt gesund!!!

6 Kommentare zu „Das Lückenfüller-Jahr

Gib deinen ab

  1. Irgendwo muss man sich ja Anregungen holen, wie ich z.B. hier…
    Wie wärs mit der Gigaton von Pearl Jam, meine einzige 2020er Platte bislang. Ansonsten bin ich auf den Geschmack von the National und Daughter gekommen. Dazu könnte ich dir die beiden EPs von Giant Rooks empfehlen, eine junge Deutsche Band die überhaupt nicht so klingt.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich glaz ich hab bisher nur eine 2020er Neuerscheinung: Ozzy.
    Aber ich bin mir sicher das es in der 2. Jahreshälfte eine Riesenflut an Neuerscheinungen geben wird die bisher zurück gehalten wurden (Corona sei dank)

    Gefällt 1 Person

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