Dave und die Voodoo-Queen

Meistens bin ich mit meinen Kaufentscheidungen in Sachen Musik ja recht schnell. Auch wenn sich das dann anschließend manchmal als nicht so gute Entscheidung erweist. Da bin ich dann auch schon mal nach dem Ersthören mächtig auf die Schnauze gefallen. Aber so läuft das Leben ja eh 😉 Und manchmal, ganz manchmal, da hadere ich wochenlang. Auch wenn mir insgeheim schon klar ist, wie die Geschichte dann endet…

So jüngst geschehen mit dem neuen Album von Dave Stewart, „Ebony McQueen“. Die Vorankündigung flatterte mir eigentlich eher zufällig auf den Tisch, aber ich war natürlich neugierig. Schließlich gibt es einiges von seinen Solo-Sachen, die ich sehr mag. Vor allem die Alben mit den Spiritual Cowboys. Aber auch „Greetings from the Gutter“ (sehr geil) oder „SlyFi“ (immer noch ok) landeten in 90ern im CD-Regal. Die Alben aber zu halbwegs zivilen Preisen noch auf Vinyl zu bekommen, hat dann doch eher etwas mit Glück zu tun. Also war die erste Reaktion: haben wollen!!!

Pressefoto. Ich hätte das alles auch nicht besser auf ein Bild bekommen 😉

Als erstes fand ich einen link zur Limited Edition des neuen Albums. Aber da gibt´s dann meist ja auch eine „normale“ Version. Nur nicht in diesem Fall. Herr Stewart beabsichtigte, das Album nur als diese Limited Edition zu veröffentlichen. Keine CD. Kein Stand-Alone. Keine Irgendwas sonst. Drei Alben in verschiedenen Farben, zwei Singles, zwei MCs, Fotoband – so, oder gar nicht. Dass das Teil dann auch nicht für 29,99 € zu haben ist, versteht sich von selbst. Mein Enthusiasmus war erst mal gebremst. Denn neben den besagten tollen Alben hatte Herr Stewart auch mal die ein oder andere Ermüdungserscheinung auf den Markt gebracht.

Und dann der Pressetext. Da war von „Meisterwerk“ die Rede. Da werd ich ja schon von Natur aus mistrauisch. Es fielen Vokabeln wie „ambitioniert“ oder „autobiographisch“. Von einem Film-Skript war die Rede, hintenrum tauschte auch das Wort „Musical“ auf. Und bei jedem einzelnen Schlagwort gingen bei mir die Alarmlämpchen an. Von da an war klar: da wird erst mal reingehört! Was mir ehrlich gesagt immer schwer fällt. Ich will Alben tunlichst am Erscheinungstag in Händen halten. Das war schon immer so. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür. Aber damit muss ja schlussendlich nur ich leben…

Am 22. Mai 2022 erschien das Album dann. Und wie das seit geraumer Zeit so ist, gab es erst mal Lieferprobleme. Das Album stand nirgendwo „auf Lager“, selbst Prime sagte erst mal ab. Immerhin konnte ich so erst mal versuchen, digital ins Album zu hören, ohne dabei diese irrationale Angst zu verspüren, irgendjemand auf dem Globus könne das Album vor mir in Händen halten. Die Vorab-Single hatte ich natürlich schon gehört – immerhin eine nette Pop-Nummer, die man sich nicht schön hören musste. Und der Rest machte beim durchzappen auch nicht den Eindruck, als ob sich mir beim Hören dann die Zehennägel aufrollen würden. Also bestellt.

Man ist ja ein wenig verwöhnt vom „großen A“ ob der Transparenz ihrer Lieferungen. Diesmal war es ein wenig anders, aber ich war kein bisschen beunruhigt, da ich ja wußte, dass sich Lieferung wohl etwas hinziehen würde. Tag 1: „Ihre Bestellung ist eingegangen.“ Tag 2 ebenso. Die nächste Meldung kam dann an Tag 3: „Ihr Paket wurde einem Nachbarn übergeben.“ Zum Glück habe ich meine Nachbarn im Laufe der vergangenen zwei Jahre „gut erzogen“ 😉 und als ich abends vom Büro kam, stand der Karton da und wartete auf mich. Allerdings war an diesem Abend auch das entscheidende Relegations-Spiel für die Roten Teufel – also ging diesmal nur anschauen, anhören wollte ich zum ersten Mal definitiv in aller Ruhe.

Aber alleine das Auspacken war schon sensationell. Alles wertig verarbeitet und selbst die Karte für den Download fühlte sich an wie ein Kunstdruck. Ich war erst mal happy. Vor allem auch nach dem Ende des Spiels ♥

Tags darauf war es dann so weit – Ersthörung! Die gute Nachricht vorab: meine Befürchtungen in Sachen Musik haben sich nicht bestätigt. Das ist weder Musical noch überambitioniert. Im Gegenteil. Stewart chargiert zwischen den Genres, bleibt meist beim heimischen Pop gespickt mit ein paar Delta Blues- oder Rock-Anspielungen. Mal schwenkt er zum Jazz, mal zum Folk oder auch ganz oft Richtung Psychedlic. Und er schlägt jede Menge Haken, meist sogar innerhalb der Songs. Mal mit Orchester, mal mit Dobro oder auch mal mit Akkordeon. Lediglich die Eurythmics-typischen Synthie-Sounds packt er nicht einmal aus. Aber wie heißt es so schön: über Musik zu schreiben ist wie über Literatur zu tanzen 😉 Eins noch: während der Arbeit an dem Album muss er ganz viel Beatles gehört haben, vorzugsweise die späten Beatles. Denn psychedelisches á la „Magical Mystery Tour“, dem Weißen Album oder Abbey Road schimmert immer wieder mehr als durch. Aber das kann ja kein Fehler sein 😉 Und – oh Wunder – sitzt doch bei einem Song auch Ringo an den Drums ♥

Eigentlich bin ich ja überhaupt kein Fan von Triple-Alben, denn meistens verlieren sich die Künstler dann in irgendeinem musikalischen Klein-Scheiß, der dann den Hörgenuss einfach nur ausbremst. Für mich gab es hier aber keinerlei Erümdungserscheinungen während des Hörens. Selbst wenn Stewart sich mal in Americana-Geplänkel verliert, holt er sich selber und den Hörer spätestens beim nächsten Song wieder ein.

Schade ist nur, dass die Qualität des Vinyls nicht ganz mit der Wertigkeit der Box mithalten kann. Über den farbigen Pressungen liegt klanglich ein leichter Nebel, bei der schwarzen Scheibe verschwindet der dann und das Klangbild hat deutlich mehr Luft. Ansonsten sind die Pressungen sehr gut, bis auf eine der Singles, die einen leichten Höhenschlag aufweist. Das stört zumindest nicht weiter – die hör ich eh nur einmal, auch wenn da „rohere“ Versionen einiger Songs des Albums drauf sind. Aber ich kann nichts daran ändern – ich bin eben der typische Album-Hörer. Die beiden MCs bieten das Album einmal in einer rein akustischen Version und einmal als Versionen für Piano Lessons. Was das heißt, kann ich nicht sagen – mir fehlt einfach das Cassetten-Deck 😉 Der beigefügte Download-Code beherbergt übrigens auch nicht das Album, sondern jede Menge Videos und Prints von Partituren und Texten. Man bekommt also schon ein Rundum-Sorglos-Paket für sein Geld.

Nur eins bekommt man nicht: ein überambitioniertes Musical. Und das ist gut so!

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