Die Nadel des Grauens

Nein, ich liebe mein Ortofon 2M Black. An dem System habe ich gar nichts auszusetzen. Nicht umsonst schwöre ich dem Blacky seit über 5 Jahren meine Treue. Klar, irgendwann wird auch da etwas anderes kommen. Aber darum geht es gar nicht…

Es war März 2020. Also ungefähr der Zeitpunkt, wo der ganze Mist losging. Nur, dass es darum auch nicht geht. In jenem März hatte ich meinem Dreher ein neues Blacky gegönnt. Im Nachhinein möchte man sagen: gerade noch rechtzeitig 🤪

Ich hatte es ja im vorigen Artikel schon angedeutet – ich wechsle die Nadeln recht früh. Wenn man sich mal im Netz umschaut, ist da von einer Zeitspanne zwischen 1.000 und 2.500 Betriebsstunden die Rede. Worauf man m.E. allerdings nicht viel geben sollte. Ersten ist die Spanne recht groß, zweitens hat jeder Tonabnehmer seine eigenen Gesetze und drittens verlaß ich mich da lieber auf mein Gehör!

Ich merkte im letzten Mai, dass es langsam Zeit wird und hab eine Ersatznadel bestellt. Vor zwei Tagen ist sie dann endlich gekommen und sie mußte natürlich gleich drauf. Und Gott sei Dank, endlich hatte ich beim Musik Hören wieder das Gefühl, dass alles paßt. Räumliche Anordnung, Klangbild, Spaßfaktor – alles rückte wieder an die richtige Stelle. Ich muß dazu sagen: das war jetzt alles kein audiophiler Quantensprung. Aber meine Ohren und mein Klangempfinden sind schon etwas überempfindlich. Wenn mir Musik hören keinen Spaß bereitet, dann stimmt was nicht. Und da kann ich richtig zickig werden.

Aber dafür gibt es jetzt gar keinen Grund. Musik hören machte auf den ersten Ton wieder Spaß, und am nächsten Tag holte ich einige bestimmte Scheiben aus dem LaMös. Z.B. von The Blue Nile – Walk across the Roof Tops. Die Platte klingt per se sensationell. Schon auf CD. Ich hatte lange mit mir gehadert, sie auch auf Vinyl zu kaufen, hab aber dann irgendwann doch zugeschlagen. Die Platte ist echt nur für gutes Geld zu ergattern, und ich hatte sie auf einer Börse in tadellosem Zustand gefunden. Und das zu einem Preis, bei dem ich kurz versucht war, dem Händler noch freiwillig 20 € oben drauf zu geben. Doch die Versuchung war nur kurz. Ich hab´s gelassen 😎

Ich hatte die Platte mehrfach seitdem gehört und war von dem Klang immer wieder fasziniert. Beim ersten Mal bekam ich bei einigen Stellen den Mund gar nicht mehr zu. Was immer ein gutes Zeichen ist. Bei den weiteren Hör-Sessions blieb der Mund dann zu. Ich wußte ja, was kommt und konnte klanglich nicht mehr überrascht werden. Dann kam die neue Nadel – und der Mund war wieder ein paar Mal auf. Das hatte schon was!

Eine Scheibe wollte ich auch unbedingt mit der neuen Nadel hören, auch wenn das erst mal abwegig erscheint. Denn ich habe ja an verschiedenen Stellen kund getan, was ich vom neuen Remix von Pink Floyd´s „Animals“ halte – nichts.

Ich hab diverse Male versucht, mir den neuen Mix schön zu hören. Das wurde nie was. Mit der neuen Nadel allerdings wurde mir die Scheibe zum ersten Mal sympathisch und dabei habe ich sie quasi nur nebenbei aufgelegt: die Drums klangen erstmals aufeinander abgestimmt, Bass und Gitarre rückten etwas mehr zueinander, die ganze Darstellung hat deutlich an „Weite“ verloren. Allerdings werde ich noch eine intensive Hör-Session damit machen – sicher ist schließlich sicher 👍

Bei den meisten Scheiben, die seitdem laufen, macht sogar die Leerrille wieder Spaß. Dieser kleine, knarzende Nebel, der leicht mit einem Grundrauschen zu verwechseln ist, war bei den meisten Platten wieder wie weg geblasen.

Aber was rede ich – dass eine neue Nadel besser klingt als ihr Vorläufer, gehört für mich zu den Selbstverständlichkeiten meines Hi-fidelen Lebens. Aber dann fiel mir etwas viel Entscheidenderes auf: die alte Nadel war mehr durch, als wiederum ihr Vorgänger. Den hatte ich natürlich für den Fall der Fälle verwahrt – du kannst ohne Frau durch´s Leben kommen, aber niemals ohne Ersatznadel 🙈 Erster Gedanke: die vorletzte Nadel bleibt als Ersatz, die jetzige „alte“ Nadel kann entsorgt werden… Ich stockte kurz bei dem Ganken. Und das zu Recht!

Denn mir fiel auf einmal auf, dass diese fast durchgenudelte Nadel mich durch die letzten zweieinhalb Jahre getragen hatte! Vielleicht hat der ein oder andere es bereits verdrängt, aber wir hatten Lockdowns, Kurzarbeit und mit ein wenig Glück Homeoffice. Oder um es auf eine Formel zu bringen: wir hatten Zeit. Viel Zeit! Ich zumindest 😉 Wenn du nicht aus der Hütte kannst, kaum Arbeit hast und niemanden treffen kannst, wird – zumindest hier – der Plattenspieler zum besten Freund. Und bei mir läuft jeden Tag der Dreher – nichts bringt mich besser runter ♥

An einem normalen Tag läuft der Pro-ject hier für mindestens zwei Scheiben – eine zum Warmlaufen, eine zum genießen. Das macht dann jeden Tag schon mal 90 Minuten. Am Wochenende oder an freien Tagen wird das deutlich mehr. Drei Stunden sind da keine Seltenheit, vier Stunden durchaus möglich und fünf Stunden sind da noch mal der absolute Topwert. Und während der Lockdowns und kaum Arbeit war das schon fast Dauerbetrieb…

Also hab ich mal den Rechenschieber rausgeholt und wenn ich mal 3 Stunden im Durchsnitt pro Tag berechne (was großzügig nach unten kalkuliert ist 😳) komm ich bei 2 1/2 Jahren auf knapp 2.300 Betriebsstunden. Kein Wunder, dass man langsam erahnen konnte, dass das Blacky es bald hinter sich haben würde. Und eigentlich war da für mich auch schon die Grenze überschritten. Ich tausche Nadeln immer frühzeitig. In mir wohnt diese irrationale Angst, dass ich den richtigen Zeitpunkt verpasse und die alte Nadel sich schon munter durch die Rillen fräst, ohne dass ich das mitbekomme. Das ist schließlich ein schleichender Prozess, ähnlich wie der, wenn das Gehör mit dem Alter nachläßt. Und da stelle ich langsam auch schon Verschleiß fest…

Die Frage, die mich aber viel mehr beschäftigte, war, ob ich die Pandemie-Nadel behalten sollte. Ich bin ja so gar nicht der Messie , aber wir hatten schließlich viel mit einander erlebt. Um es kurz zu machen: sie hat ihren Platz bei mir gefunden ♥

Wie gesagt: mit der alten Nadel hatte der ganze Scheiß angefangen. Jetzt ist sie im Ruhestand. Vielleicht hilft´s ja 😉

🤘

Kleiner Bonus-Track: ich hatte ein Bild der Pandemie-Nadel in einer Story auf Insta gepostet…

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