Erster!

Ich hatte es ja in dem Artikel zur wunderbaren Vinyl-Box von Dave Stewart schon mal angedeutet: aus irgendeinem völlig irrationalen Grund will ich Alben immer möglichst am Tag der Veröffentlichung auf dem Teller haben. Und gerade dieses „völlig irrationale“ hatte mich dann eine Weile beschäftigt, denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich zumindest mir selber diese Macke nicht doch wenigstens im Ansatz erklären konnte. Und ich glaube, ich hab´s 😉

Ich bin ja recht früh mit dem Virus infiziert worden, dass ein einziger Song oder ein einziges Album dir lebensändernd die Schuhe ausziehen kann. Das zeigt allein schon der Titel dieses Artikels „Das erste Mal vergisst du nie„, bei dem es echt nicht um das Eine geht. Ich war als Steppke immer beeindruckt von den „Größeren“, die lässig mit ihren Schallplatten unterm Arm über die Straßen zogen – wohin sie auch immer gegangen sind. Ich hatte auch keinerlei Peilung, was sie da eigentlich unterm Arm hatten. Das habe ich dann aber dennoch relativ schnell nachgemacht – allerdings mit den Schlager-Platten meiner Eltern 🤪 Ich hatte zwar noch keine Haare am Sack, aber fand die Rock-Attitüde cool.

Als dann die Zeit kam, wo ich mir meine ersten Platten kaufen konnte, habe ich immer die Credits gelesen. Auch auf den Scheiben, die Freunde hatten. So nach und nach war dann klar, wer die angesagten Produzenten, Studios, Gastmusiker waren. Hier und da kamen auch ein paar Infos aus Musikzeitschriften dazu, die aber nicht wirklich meine bevorzugte Quelle waren. Die angesagten Magazine kamen eh aus England und davon verstand ich kein Wort. Jedenfalls führte dieses ganze Verhalten dazu, dass ich immer öfter gefragt wurde, was ich denn von dieser oder jener Platte halten würde und woher ich denn wissen würde, wann wer ein neues Album rausbringt.

Ich hatte mein pubertäres Alleinstellungsmerkmal gefunden! Und es gefiel mir! Also setzte ich alles daran, auch weiterhin immer der erste zu sein, der weiß was wo geht. Ihr seht langsam, worauf das hinausläuft 😉 Ja, irgendwann kam ich relativ schnell an den Punkt, wo ich Platten immer zur VÖ haben musste. Damals gab es dann allerdings noch kein Amazon oder JPC. Und verdammte Scheiße – ich lebte in der niederrheinischen Provinz! Der einzige „Plattenladen“ in unserer Stadt war ein Musikalien-Geschäft – da war nicht viel los, wenn es darum ging, die neue Pink Floyd so früh wie möglich auf dem heimischen Plattenteller zu haben. Die nächstgrößere Stadt war 20 Kilometer weit weg – da musst du als Teenie auch erst mal hinkommen. Aber da gab es wenigstens zwei coole Plattenläden.

Weihnachten war immer toll. Und Geburtstag. Ich hab mir da ab 14 immer nur noch Geld gewünscht und bin dann bei nächster Gelegenheit in Richtung Köln aufgebrochen. Hansaring, Saturn. Der war damals riesig mit Vinyl bestückt, das reinste Paradies. Da ging dann in aller Regel auch das ganze Geburtstags-Geld drauf… ihr seht schon, der Suchtfaktor hat sich bei mir recht früh entwickelt 🙈 und so nach und nach wurde es immer wichtiger für mich, die angesagten Platten als erster im Regal zum haben. Dabei hatte ich zu der Zeit noch gar kein Regal, die Platten standen alle auf dem Boden.

Anfang der 80er kamen dann die ersten CDs. Da ich auch ein HiFi-affines Kerlchen war (ich hab übrigens keine Ahnung, von wem ich den Virus geerbt habe), fand ich das Medium natürlich toll. Aber sowohl Hard- als auch Software waren da noch unverschämt teuer. Ein paar Jahre später war es dann soweit – alle Schallplatten wurden verkauft und ich sattelte auf die Silberlinge um. Kein Knistern oder Knacksen mehr, die nahmen weniger Platz weg und klangen gefühlt geiler. Von den etwa vierhundert Vinyl-Scheiben, die ich damals hatte, überlebten ganze fünf! Die hab ich allerdings heute noch. Und es spricht wohl für mich, dass man die immer noch mit Vergnügen abspielen kann ♥

Aber ich schweife ab… Anfang der 90er begannen dann für mich fantastische Zeiten. Ich arbeitete bei Viva und da wurde man mit Tonträgern quasi zugeschissen. Das Beste: es kam alles schon vorab, sprich vor VÖ. Dadurch wurde der Virus, alles so schnell wie möglich zu bekommen noch mal extra befeuert. Dummerweise bekam man auch allen möglichen Scheiß, den man gar nicht haben wollte 🤮 Irgendwann merkte ich, dass auf Grund des ganzen Zeugs, was da eintrudelte, mir die Liebe zum Musik hören abhanden kam. Und das ging ja mal gar nicht. Also hatte ich kurzer Hand alles entsorgt, was definitiv nichts in meiner Sammlung zu suchen hatte. Seitdem achte ich bis heute penibel darauf, das bei mir nur Alben stehen, die ich auch gerne höre und so alle halbe Jahr gehe ich das LaMös durch und entferne alles, was meinem Standard nicht genügt.

Kleiner Sidekick: es war damals unglaublich schwer, in die Verteiler zur sogenannten Bemusterung reinzukommen. Ich stellte dann aber fest, dass es noch schieriger war, da auch wieder rauszukommen 🤣

Der ein oder andere wird das wahrscheinlich kennen. Und jetzt auch verständnisvoll nicken. Aber diese Nachricht „Ihr Paket befindet sich auf dem Versandweg“ löst jedesmal ein kleines Freudenfest bei mir aus. Bei der Nachricht „Ihre Sendung wurde elektronisch angekündigt“ weiß ich mittlerweile, dass das immer noch dauern kann. Da freitags die Neuerscheinungen kommen, ist die Benachrichtigung am Donnerstag eigentlich fällig. Kommt sie nicht, bricht in mir schon eine leichte Unruhe aus. Schließlich habe ich meinen Freitag so verplant, dass die neue Scheibe auch die Chance hat, gewaschen und genüßlich von mir gehört werden zu können.

Allerdings passiert es in letzter immer öfter, dass bereits vor dem Donnerstag eine Nachricht kommt. Und die beinhaltet dann meist die Vokabel „Verzögerung“. Vor dem geschilderten Hintergrund könnt ihr euch vorstellen, dass ich das hasse! Wie die Pest! Glücklicherweise habe ich ein Alter erreicht, in dem man sich relativ schnell damit abfindet, sich nicht über Sachen aufzuregen, an denen man eh nichts ändern kann. Ein Zustand übrigens, den ich als sehr wohltuend empfinde. Und mit der Zeit gewöhnt man sich ja auch langsam daran, dass mittlerweile nicht immer alles sofort und gleich zur Verfügung steht. Ich sag nur: Klopapier. Auch wenn man das Drama eigentlich schon gefühlt verdrängt hat…

Nichtsdestotrotz: Ich hasse diese Lieferverzögerungen. Zumindest, wenn es um Vinyl geht. Mein Stammladen hat seit Wochen nicht mehr meine Lieblings-Waffeln in der Auslage – nicht schlimm. Von März an verzögerte sich die Auslieferung des neuen Autos bis Ende August – egal. In der Tanke, wo ich i.d.R. meine Zigarretten hole, sagte man mir, dass die Hersteller Probleme haben, da Papier für die Verpackungen fehlt – ok, da wird´s für mich langsam kritisch. Aber auch da gibt es schließlich Alternativen. Aber bei Vinyl – da hört der Spaß für mich einfach auf…

Ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau. Und ja, ich kenne die Zusammenhänge der Globalisierung und wie diese durch Pandemie und den Krieg in der Ukraine an ihre Grenzen gebracht werden. Und gerade angesichts der Bilder des Krieges weiß ich, daß es mir auch ohne Waffeln, Auto, Zigarretten und Schallplatten immer noch verdammt gut geht!

Anfang Mai hatte ich bei meinem HiFi-Dealer eine neue Nadel für meinen Dreher bestellt. Normalerweise eine Sache von zwei, drei Tagen. Was soll ich sagen: Lieferprobleme, die jedoch mit einem Konstruktionsfehler beim Hersteller zusammen hingen und die wollten dann – zum Glück – lieber auf der ganz sicheren Seite sein, bevor sie noch was ausliefern. So was gefällt mir ja. Und in dem Fall war das auch kein Problem für mich – ich tausche Nadeln immer recht früh, einfach weil ich da auf der sicheren Seite sein will. Für mich und meine Platten. Die Nadel des Blacky soll ja nicht erst in dem Zustand ausgetauscht werden, wenn sich die alte schon durch die Rillen gefräst hat. Vor wenigen Tagen habe ich die Nadel dann endlich abholen können – aber das ist eine ganz eigene Geschichte…

Ich habe im Laufe der letzten Zeit gelernt, geduldig zu sein, was meine Gelüste angeht, Alben sofort in Besitz haben zu müssen. Gut, wenn es natürlich geht habe ich da keine Einwände 😎 Und noch ein paar Begebenheiten spielen in diese Entciklung mit rein. Zum Beispiel die Preise auf dem Schallplattenmarkt. Da fällt es mir wesentlich deutlicher auf als zum Beispiel bei Lebensmitteln. 45 € für ein neues Doppel-Album sind mir einfach zu teuer. Da kommt das Ding lieber auf die Wishlist und i.d.R. wird´s nach zwei Monaten auf einmal wesentlich preiswerter. Ich werde auch im Leben keine 14 € für eine normale Second Hand-Scheibe in VG+ ausgeben, die man sonst einfach mal so mitgenommen hat. Egal ob im Laden oder bei Discogs. Und wir reden hier weiß Gott nicht von seltenen Sammler-Stücken. Und ja: wenn mir einer meiner heiligen Grale in die Finger kommt, die sonst einfach nicht zu bekommen sind, dann verabschiedet sich der Geizkragen in mir ganz schnell und geht auf Jahresurlaub 🙂 Die „Let it be – Naked“ in Mint kann man ja schließlich nicht stehen lassen – wer weiß, in wessen Hände die sonst gerät…

Aprospos Discogs: ich hatte vor geraumer Zeit meine Kreditkarte verloren. Ich wollte die neue bei Paypal anmelden, die wollten dann eine Bank-ID. Hatte ich nicht, also besorgt. Ihr könnt es euch vielleicht denken: das ganze dauerte dann eine geraume Zeit… Dummerweise ein wenig zu lange, denn ich hatte da auf einmal festgestellt, dass es ein Leben ohne Discogs gibt. Natürlich hätte es einiges an Scheiben gegeben, die ich vorher locker bestellt hätte. Ich hab allerdings auch gemerkt, dass ich den Nicht-Besitz dieser Scheiben auch entpannt überlebe habe. Und auch nichts vermisse. Das Konto jedenfalls freut´s…

Was also pubertäre Geltungssucht und beruflicher Overkill im Laufe der Jahre verursacht haben, dümpelt durch die Krisenzeiten der vergangenen Zeit in immer gemächlichere Gefilde. Da mag bestimmt auch das fortschreitende Alter oder der Zahn der Zeit eine Rolle spielen – aber da geh ich eh entspannt mit um. Erster sein – kann, aber muß nicht mehr sein. Ich genieße lieber, vor allem Musik. Und gleich sind zwei neue Scheiben im Anflug. Auf eine warte ich seit drei Monaten, die andere kommt heute am Erscheinungstag. Hauptsache, es macht Spaß, sie zu hören.

Waffeln und Zigarretten da sind jedenfalls auch da ♥

2 Kommentare zu „Erster!

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  1. Als ich über selbst verdientes Geld verfügen konnte, wurde es für mich zu einer Selbstverständlichkeit, Neuerscheinungen noch gleich am ersten Tag zu kaufen. Das ging im Drogen-Müller oder SATURN (MediaMarkt war mir zu weit) in Erfurt ganz gut. Diese Selbstverständlichkeit setzte ich in Wien fort – das SATURN Gerngross auf der Inneren MaHü war mein Tempel zum Erwerb von Musik-CDs.
    Aber seit wenigen Jahren reizt es mich nicht mehr, schnell zu sein. Ich ertappte mich oft dabei, dass ich CDs, die ich am Tag der Erst-VÖ erwarb, in meinen Regalen monatelang in OVP stehen liess.
    Im ersten Lockdown begann ich wieder, meine gesamte Musiksammlung durchzuhören und konnte den einen oder anderen von der Folie befreien.
    Dieser Kick ging mir schon davor abhanden – aber: Dass ich geschlagene zwei Wochen auf die CD von Betterov warten musste, muss auch nicht sein 😉

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